„Zeughaus“ ist schon ein merkwürdiger Name. Sieht das nicht wie eine Kirche aus? Allerdings fehlen die typischen religiösen Symbole wie z.B. Heiligenstatuen. Welche Geschichte hat dieses merkwürdige Gebäude?
Klosterkirche
Seit etwa 1620 war neben den Jesuiten der Orden der Franziskaner-Observanten in Neuss aktiv. Dieser Orden, der die Gebote des hl. Franziskus besonders streng befolgte, half den Jesuiten bei religiösen Aufgaben und hielt seine Gottesdienste in einem Seitenaltar des Quirinus-Münsters ab. Da der Orden einerseits im Münster nur geduldet wurde und andererseits Zulauf aus anderen Teilen Deutschlands erhielt, wollten die Oberen ein eigenes Kloster.
Im Mai des Jahres 1632 erhielt der Orden vom Erzbischof in Köln die Erlaubnis, in Neuss ein eigenes Kloster einzurichten. Man sollte meinen, dass die Brüder danach sofort mit dem Bau begonnen hätten. Dem war aber nicht so, da der Stadtrat von Neuss dies ganz und gar nicht gut fand und das Projekt torpedierte, wo es nur ging.
Der Stadtrat führte offiziell mehrere Argumente ins Feld:
- Der von Almosen lebende Bettelorden könne sich auf Dauer gar nicht in der Stadt halten.
- Es gäbe außer dem Quirinus-Stift mit fünf „Mannsklöstern“ und drei „Jungfrauenklöstern“ bereits mehr als genug geistliche Gemeinschaften in Neuss.
- Der Bau eines weiteres Klosters im östlichen Teil der Stadt würde die Verteidigung erschweren, zumal bereits die Hälfte des Stadtgebietes aus „geistlichen Plätzen“ bestünde.
- Ein Klosterbau würde in der engen Stadt den verfügbaren Platz für Bürgerhäuser, Werkstätten und Läden weiter einschränken.
Sehr wahrscheinlich waren es überwiegend die wirtschaftlichen Gründe, die den Stadtrat damals bewegten. Die Klostergemeinschaften waren von der Steuer befreit. Händler und Handwerker hätten die Stadtkasse besser gefüllt.
Nach weiteren jahrelangen Streitigkeiten, in deren Verlauf der Stadtrat sogar einmal die frisch gebauten Fundamente wieder einreißen ließ, wurde die Kirche 1639 fertiggestellt und 1640 geweiht. Die Brüder hatten ihren Traum von einer eigenen Kirche mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit endlich realisiert. Das Klostergebäude wurde übrigens erst 1655 fertig.
Kanonen
Im Zuge der Säkularisation mussten die Observanten das Kloster samt Kirche 1802 aufgeben. Die Stadt Neuss musste als neue Eigentümerin das Gebäude irgendwie sinnvoll nutzen, was anscheinend nicht so einfach war.
Von 1826 an wurde das Gebäude dann 38 Jahre an die preußische Militärbehörde vermietet. Diese machte daraus ein Lager für Waffen und anderes militärisches Gerät. Im Soldatenjargon war das ein „Zeughaus„. Dieser Name setzte sich in den Köpfen der Neusser fest und blieb fortan bestehen.
Kultur
Wer heute auf dem Freithof in der Mitte der Altstadt steht, erkennt schnell, dass ein Lagergebäude hier völlig fehl am Platz wäre. Dennoch wurde es jahrzehntelang noch so genutzt und an Neusser Firmen vermietet. 1923 erkannten die Stadtoberen endlich das Potenzial und machten 1923/24 aus dem Gebäude einen Theater- und Festsaal.
Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude, wie die Mehrheit der Gebäude in Neuss, stark zerstört und 1949 wieder aufgebaut. Nach mehreren Aus- und Umbauten im Laufe der Jahre erstrahlt das Zeughaus heute als moderne Veranstaltungsstätte für Konzerte, Feste, Tagungen und Versammlungen.
Eine sympathische junge Kollegin meinte zu diesem Gebäude: Man muss sich eigentlich nur die Begriffe „Kloster“, „Kanonen“ und „Kultur“ merken, um die Geschichte des Gebäudes zu beschreiben. Das finden wir auch.
Übrigens stand in der großen Nische über dem Eingangsportal entgegen anderslautender Gerüchte nie ein Schützenkönig, sondern eine Statue des hl. Franziskus.
Die Gedenktafel links unten an der Westfassade ist dafür aber der erste dauerhaft sichtbare Hinweis auf die Bedeutung des Neusser Schützenwesens. Der Schützenkönig des Jahres 1972, Dr. Heinz Günther Hüsch, bemängelte, dass in der Stadt außerhalb der Zeit des Schützenfestes, nichts an dieses bedeutende Brauchtum erinnert. Es gab kein Denkmal, keinen Straßennamen, nichts. Also hat er die Gedenktafel als Königsgeschenk der Stadt und der Bürgerschaft hinterlassen.
Seinem Beispiel sind in den späteren Jahren viele Schützenkönige gefolgt, so dass man zwischenzeitlich überall in der Innenstadt auf Zeugnisse des Schützenwesens trifft.


