Schlagwort: Kirche

  • St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    Ein Mann schreitet energisch über den Freithof. Pilgerstab und Trinkkalebasse in der einen, ein Evangeliar in der anderen Hand. Der Mantel bauscht sich auf. Er scheint es eilig zu haben. Wer ist das und wieso steht er an so einem prominenten Ort in Neuss?

    Fast jeder erkennt die Jakobsmuschel. Sie befindet sich nicht nur an der Hutkrempe der Figur und auf dem Sockel, sondern in ganz Europa an unzähligen Wegzeichen. Ganz offensichtlich handelt es sich also um einen Pilger. Dieser Pilger ist aber jemand besonderes. Das Evangeliar in seiner rechten Hand gibt uns den entscheidenden letzten Hinweis. Es ist der hl. Jakobus der Ältere, einer der zwölf Apostel, Patron Spaniens und einer der bekanntesten Heiligen weltweit.

    Die Person des hl. Jakobus

    Über den hl. Jakobus umranken sich viele Legenden. Sicher ist, dass er zunächst als der erste christliche Märtyrer verehrt wurde und ab dem späten 9. Jahrhundert als Nationalheiliger des katholischen Spaniens mehr und mehr eine kriegerische Funktion als Unterstützer im Krieg gegen die Mauren erfüllte.

    So wurde St. Jakobus nicht nur der Schutzpatron Spaniens und der Pilger, sondern auch der Schutzpatron der Krieger, Kettenschmiede, sowie der Apotheker und Drogisten. Er wird daher wahlweise mal als frommer Pilger oder galoppierender Ritter in Rüstung dargestellt.

    Die Verbindung mit Neuss

    St. Jakobus ist nicht nur Patron der Pilger, sondern auch Schutzpatron der Neusser Scheibenschützen.

    Die Neusser Scheibenschützengesellschaft von 1415 e.V. sieht sich in der Tradition der St. Sebastianus Bruderschaft, der ältesten Bruderschaft in Neuss. Die St. Sebastianus Bruderschaft musste 1794 unter der Herrschaft Napoleons ihre Tätigkeit einstellen, wurde jedoch nie förmlich aufgelöst. Am 22. März 1804 lebte sie nach einer gründlichen Satzungsänderung wieder auf und wählte in Folge den Jakobustag am 25 Juli als Festtag und den hl. Jakobus als Schutzpatron.

    Neuss war im Mittelalter durch die Reliquienverehrung des hl. Quirinus ein wichtiges Pilgerziel. Viele dieser Pilger folgten den Jakobswegen, die von Norden kommend in Richtung Santiago de Compostela führten. Neuss lag an einer Kreuzung verschiedener Pilgerwege und war daher eng in dieses Wegenetz eingebunden.

    Die Neusser Scheibenschützen wollten mit der Stiftung des Denkmals sowohl ihren Schutzpatron ehren, als auch an die Bedeutung der Stadt Neuss als Pilgerzentrum im Mittelalter erinnern.

    Der Künstler und das Werk

    Erschaffen hat diese lebensgroße Plastik der 2025 verstorbene Bert Gerresheim. Gerresheim studierte zusammen mit Günther Uecker an der Düsseldorfer Kunstakademie und beschäftigte sich seit den 1980er Jahren intensiv mit christlicher Kunst. Viele seiner Skulpturen und Plastiken stehen in Kirchen und im öffentlichen Raum, die meisten davon im Rheinland.

    Als Bert Gerresheim 2005 von Dr. Hermann Josef Kallen, dem damaligen Oberschützenmeister der Scheibenschützen, kontaktiert wurde, war dieser nicht schwer zu überzeugen. Er hatte nämlich schon einige Zeit vorher ein Bronzemodell des Apostel Jakobus gestaltet, nachdem er im Jahr 2000 in die internationale Erzbruderschaft des hl. Jakobus an der Kathedrale von Santiago de Compostela aufgenommen wurde. Die Idee für das Werk war also bereits da, der Auftrag aus Spanien wurde aber zum Glück für Neuss nie realisiert.

    Gerresheim veränderte den ursprünglich eher verhaltenen Entwurf in eine dynamisch schreitende Figur. Dies sollte nicht nur eine Anspielung auf den langen Pilgerweg, sondern auch als Metapher für den Lebensweg eines jeden Menschen sein. Ein sichtbarer Schnitt, der die Figur durchzieht, symbolisiert die Verwundbarkeit und Gespaltenheit der menschlichen Existenz auf ihrem Lebensweg. Im Sockel trennt der Schnitt den durch Sterne gekennzeichneten himmlischen Pilgerweg von dem durch Pilgermuscheln versinnbildlichten irdischen Pilgerweg.

    Realisiert wurde die ca. 800 kg schwere Bronzefigur im Wachsausschmelzverfahren in der Düsseldorfer Kunstgiesserei Schmäke. Sie wurde am 25 Juli 2007, dem Patronatstag der Neusser Scheibenschützen, feierlich eingeweiht.

    Nun ja, wirklich „geheim“ ist es nicht, sonst würde es ja nicht hier stehen. Es ist aber dennoch nicht jedem bekannt.

    Bert Gerresheim hatte einen engen Mitarbeiter, Francisco Ces Hernandez, der gleichzeitig auch sein Lebensgefährte war. Wer bei der Einweihung dabei war oder heute Bilder von Francisco Ces Hernandez sieht, wird eine höchst bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gesicht des Jakobus feststellen.

    Gerresheim hatte der Figur nicht nur das Gesicht seines Lebensgefährten gegeben, Francisco Ces Hernandez war in der Werkstatt auch maßgeblich an der Erschaffung der Figur beteiligt.

    Einer der zahlreichen Legenden um den Heiligen ist die Gründungsgeschichte der heutigen Jakobusverehrung in Santiago de Compostela.

    In der Apostelgeschichte 12, 1-2 wird erzählt, dass König Herodes einige aus der Gemeinde der Anhänger Jesu in Jerusalem verhaften und misshandeln ließ. Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten.

    Zwei seiner Schüler entwendeten den Leichnam des Jakobus und legten ihn in ein ruderloses Boot. Von Engeln geleitet erreichte es nach langer Fahrt Nordspanien. Der Leichnam wurde entdeckt und in einen großen Stein gelegt. Dieser Stein verwandelte sich daraufhin in einen Sarkophag.

    Die Stelle des Jakobusgrabes geriet in Vergessenheit, bis er sich selbst im 9. Jahrhundert dem Eremiten Pelayo auf dem Compostela (span.: Sternenfeld) offenbarte. Im Jahr 813 wurde dort mit dem Bau der Kirche begonnen, in der am 25. Juli 816 die Gebeine des hl. Jakobus beigesetzt wurden.

    Der Ort Santiago (span.: heiliger Jakobus) de Compostela entwickelte sich in Folge zu einem der größten Wallfahrtszentren des Abendlandes. Bis ins 15. Jahrhundert zog der Ort mehr Pilger an als Rom oder Jerusalem.

    Auch heute fasziniert der Jakobsweg abertausende Menschen. Der religiöse Bezug gerät dabei allerdings immer weiter in den Hintergrund.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund durch KI angepasst.

  • Die Geschichte von Chatharina Halffmans

    Die Geschichte von Chatharina Halffmans

    Ein Hexenprozess in Neuss mit ungewöhnlichem Ausgang.

    Am 3. Juni 1677 wurde in Neuss die 18jährige Halbwaise Catharina Halffmans wegen Verdachts der Hexerei verhaftet. Die junge Frau hatte den Fehler begangen, sich Geistlichen im Observantenkloster in Briefen anzuvertrauen. Sie bat darin um geistlichen Beistand, da sie an vielen Dingen zweifelte und sich in einem „verführlichen Zustand“ wähnte.

    Zur damaligen Zeit führten solche Hexenprozesse ziemlich sicher zum Tode, nicht ohne vorherige „peinliche Befragung“ – oder mit anderem Wort brutale Folter zur Erzwingung eines Geständnisses. Vorsichtigen Schätzungen nach verloren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 25.000 Menschen, meist Frauen, ihr Leben.

    Der Prozess

    Die Stadt wollte kurzen Prozess machen. Der Ankläger war Pater Guardini, der Leiter des Observantenklosters. Die junge Frau hatte bereits ohne Anwendung der Folter alles gestanden. Wo ist da das Problem?

    Der Vogt Anton Sibenius, als Vertreter des damaligen Kurfürsten Maximilian Heinrich, geriet jedoch schnell mit dem Stadtrat über das Verfahren in einen heftigen Streit. Es keineswegs um die arme Frau, die als Hexe beschuldigt wurde. Es ging im Wesentlichen darum, wer in Neuss die Blutgerichtsbarkeit ausüben durfte und wer die städtische Justiz kontrollieren darf.

    Der Vogt nutze den Prozess um den Stadtrat in die Schranken zu weisen. Der Stadtrat wollte seine alten Rechte wiedererlangen, die von den Landesherren immer weiter beschnitten wurden. Beide Instanzen gaben nicht nach und zogen schlussendlich sogar vor das Reichskammergericht in Speyer.

    Der Ausgang

    Aus dem Hexenprozess war ein hochpolitischer Machtkampf zwischen den Institutionen geworden. Die lachende Dritte war überraschenderweise Catharina Halffmans. Am 30. April 1679 gelang ihr mit Hilfe französischer Soldaten die Flucht aus dem Gefängnis. Der Stadtrat hatte das Thema wohl satt und unterließ jede Nachverfolgung. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt.

    In einer Zeit, in der Hexenprozesse allzu oft tödlich endeten, überlebte sie – nicht wegen eines Freispruchs, sondern weil sich die Obrigkeiten gegenseitig blockierten.

    Eines der grausamen Mittel zur Ermittlung der „Wahrheit“ war der sogenannte Hexenstuhl. Ein Stuhl dessen komplette Oberfläche mit spitzen Nägeln gespickt war. Wer darauf festgebunden wurde, konnte wohl nach kurzer Zeit vor Schmerzen kaum noch denken und „gestand“ alles, was verlangt wurde.

    Ein solcher Hexenstuhl ist übrigens heute im Kehlturm zu besichtigen. Echt ist er wohl nicht, da geschmiedete Nägel im Mittelalter eher viereckig und nicht rund waren, wie bei dem Stuhl im Kehlturm. Eine grausige Vorstellung von den Methoden gibt er dennoch.

    Übrigens: Obwohl Catharina Halffmans bereits zu Beginn des Prozesses alles gestand, was man von ihr verlangte, wurde sie nach einem Jahr Kerkerhaft trotzdem nochmals unter Folter befragt. Zur Wahrheitsfindung hat dies sicher nicht beigetragen.

    Wer mehr über das Vogthaus in Neuss und die Vögte im Mittelalter wissen will, kann hier weiterlesen.

    Bild.: Ausschnitt aus T.J.V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam 1686)

  • Vogthaus

    Vogthaus

    Das Gebäude am Münsterplatz sticht sofort ins Auge. Es ist offensichtlich viel älter als die Nachbarbauten und zudem reich geschmückt mit einem Glockenspiel. Welche Geschichte erzählt dieses Haus?

    Das Vogt- und Dinghaus zu den Heiligen Drei Königen

    Johannes Horn verdankt seinen Beinamen Goldschmidt möglicherweise seinem nicht unerheblichen Wohlstand. Er war Weinhändler und erwarb 1559 das Bürgerrecht in Neuss. Als Vogt von Neuss bekleidete er das wichtigste politische Amt der Stadt und erhielt mit der neuen Stadtverfassung von 1590, auch „Reformierte Polizeiordnung“ genannt, eine erhebliche Aufwertung.

    Macht und Einfluss verlangen nach entsprechenden äußeren Zeichen. Also ließ sich Johannes Horn 1597 an der prominentesten Stelle der Stadt ein repräsentatives Wohnhaus bauen. Der Name des Hauses sollte unmissverständlich anzeigen, wer dem Vogt seine Macht verlieh. Die Reliquien der Heiligen Drei Könige waren seit 1164 nicht nur Markenzeichen von Köln, sondern auch theologisches Fundament der herausgehobenen Stellung des Kölner Erzbischofs. Damit sollte vermittelt werden, dass die Macht des Vogtes nicht nur weltlich und damit vergänglich war, sondern Gottes Gnade entstammte und damit unverrückbar feststand. Dieser Argumentation begegnen wir selbst in der heutigen Zeit immer noch an vielen Orten der Welt.

    Das Haus diente über zweihundert Jahre den nachfolgenden Vögten als Wohnsitz, bis es 1810 verkauft wurde. Im Laufe der Jahrzehnte verfiel es zusehends bis sich die Bank für Handwerk und Gewerbe, die spätere Volksbank, erbarmte und das Gebäude kaufte und restaurieren ließ.

    Wie fast alle Gebäude in Neuss wurde auch das Vogthaus im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Nach dem Krieg wurde die Fassade nach alten Bildern wieder aufgebaut, der Rest des Hauses entspricht jedoch modernen Anforderungen.

    Heute sind in dem Haus ein großes Restaurant im Brauhausstil mit rheinischer Küche und eine Arztpraxis ansässig. In einem Raum im obersten Stockwerk befindet sich das Schützenglockenspiel. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

    Etliche Landesherren waren schon im Frühmittelalter zum einen als Fürsten weltliche Herrscher mit allen Rechten und Pflichten. Zum anderen bekleideten sie ein Bischofsamt und sollten als Geistliche zumindest nicht direkt die weltliche Gewalt ausüben. Also setzte man staatliche Beamte ein, die als Stellvertreter von kirchlichen Würdenträgern diese in weltlichen Angelegenheiten vertraten.

    Seit Ende des 9. Jahrhunderts, spätestens aber um die Mitte des 10. Jahrhunderts gehörte Neuss dem Erzbischof und Kurfürst von Köln. Die Neusser und den Kölner Erzbischof verband eine gut 800 Jahre währende Hassliebe. Mal unterstützten die Neusser ihren Landesherren, mal kämpften sie gegen ihn. Aber immer kämpften sie für ihre Selbstbestimmung.

    Im Jahre 1259, das Neusser Quirinusmünster war in seiner Pracht kurz vorher fertiggestellt, gewährte Konrad von Hochstaden der Stadt das Recht auf Selbstverwaltung, eigener Gerichtsbarkeit und Errichtung einer Stadtbefestigung in der ersten schriftlich niedergelegten Stadtverfassung.

    Konrad von Hochstaden war ein schillernder Mann. Als zweiter Sohn ohne Aussicht auf das Erbe geboren, erkämpfte er sich machtbewusst, intrigenreich und vor nichts zurückschreckend eine der einflussreichsten Positionen im gesamten Deutschen Reich. Er sicherte sich diese Position aber auch weitblickend durch Städtegründungen und -erhebungen sowie die Einführung moderner Territorialverwaltungen.

    Die Vögte waren die Augen, Ohren, rechte und linke Hand des Landesherrn. Sie hatten weitreichende Machtbefugnisse, die im Laufe der Jahrhunderte mal mehr mal weniger ausgeprägt waren. Insbesondere in den reicheren Handelsstädten kam es immer wieder zu Machtkämpfen zwischen dem Vogt und dem Stadtrat mit seinem Bürgermeister.

    Im Falle von Neuss war es aber nicht deren Reichtum, da die Stadt nach dem Stadtbrand von 1586 größtenteils zerstört war. Hier ging es dem katholischen Kurfürsten darum, die Stadt mehr unter seine Kontrolle zu bringen, nachdem sie sich im Truchsessischen Krieg auf die falsche, nämlich die protestantische Seite gestellt hatte.

    So wurden in der Neusser Stadtverfassung von 1590 die Rechte und Pflichten des Vogtes erheblich ausgeweitet, sehr zum Verdruss des Stadtrates. Das ging so weit, dass zwar die Stadt ihre beiden Bürgermeister noch selbst wählen konnte, diese jedoch nur mit Zustimmung des Vogtes ihr Amt aufnehmen durften.

    Wer wissen will, welche Auswirkung es haben kann, wenn sich der Vogt und der Stadtrat streiten, kann hier eine Geschichte dazu lesen.

  • St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    Nur 8 Jahre bevor Benjamin Franklin erstmals über seine Entdeckung der elektrischen Natur der Blitze schrieb, wurde das Quirinusmünster durch einen Blitzschlag massiv getroffen. Es war nicht der erste Blitzschlag, aber dieser im Jahre 1741 veränderte das Bild der Kirche mehr als alle anderen. Es waren aber nicht nur Naturgewalten, auch der Mensch hat der Kirche in den Jahrhunderten arg zugesetzt.

    Blitzschläge, Stürme und Brände

    Der erste vermeldete Blitzschlag mit schweren Schäden schlug im Juli 1496 ein. Damals wurde der Westturm getroffen und der Dachstuhl geriet in Brand. Schon 1513 erwischte es die Kirche erneut. Diesmal riss ein Orkan gleich das gesamte Dach des Vierungsturms ab und schleuderte es kurz vor Mitternacht auf die benachbarten Stiftsgebäude. Unglücklicherweise wurde der Gebäudeteil mit den Schlafräumen getroffen. Vier Stiftsdamen, eine Kammermagd und ein Küchenjunge erlebten den Morgen nicht mehr.

    Die nächste Katastrophe wurde von Menschen verursacht. Als Neuss 1585 in den Strudel der Truchsessischen Wirren geriet, wurde die Stadt und die Kirche geplündert. Der Hochaltar, der wertvolle Quirinusschrein, Statuen, Gemälde und liturgisches Gerät wurden zerstört oder geraubt. Das war schon schlimm genug aber es kam noch schlimmer.

    1586 wurde Neuss durch die Flandrische Armee unter Herzog Alessandro Farnese zurückerobert. Dabei kam es zu brutalen Massenmorden, Plünderungen und Brandschatzungen durch die italienischen und spanischen Söldner. Ob absichtlich oder nur durch unglückliche Umstände entstand aus einem Feuer in der Nähe des Rheintors der größte Stadtbrand der Neusser Geschichte. Nachdem alle Brände gelöscht waren, lag fast die gesamte Stadt in Trümmern und auch das Quirinusmünster war schwer beschädigt.

    Nach weiteren Blitzschlägen 1667, 1697 und 1720 erwischte es die Kirche am 6. Februar 1741 erneut. Der Brand dauerte 24 Stunden und hinterließ Turm und Kirchenschiff stark zerstört. Es war dieses Ereignis und die klammen Kassen der Stadt und des Erzbistums, die diesmal eine Änderung bewirkten, die bis heute zu sehen ist.

    Auf dem nachfolgenden Ausschnitt ist die Kirche zu sehen, wie sie bis 1741 aussah. Es ist kein Wunder, dass die zwei hohen Türme, die höchsten Türme in Neuss und in der gesamten Umgebung, Blitze wie ein Magnet anzogen.

    Nach der Katastrophe wurde die Kirche zwar wieder aufgebaut, jedoch erhielt der Westturm anstelle der steil aufragenden Spitze nun einen niedrigen pyramidenförmigen Dachabschluss. Der Ostturm wurde gar nicht mehr mit einer Spitze versehen, sondern bekam ein barockes kuppelförmiges Dach. Auf die Kuppel setzte man dann die Statue des hl. Quirinus. Für letztere gab man damals übrigens 740 Reichstaler aus. Diese gravierende Änderung wurde ungeachtet späterer Zerstörungen und Wiederaufbauten bis heute beibehalten.

    Getreidelager und Pferdestall

    Die Zeit der französischen Besatzung der Rheinlande ging auch am Quirinusmünster nicht spurlos vorbei. Als 1794 die französische Revolutionsarmee in Neuss einrückte, brach eine neue Zeitrechnung an. Die Stiftsgebäude wurden als Soltatenquartiere genutzt. Die Kirche diente als Getreide- oder Fruchtlager und zeitweise sogar als Pferdestall. Dass dennoch weiterhin Gottesdienste in der Krypta abgehalten wurden, darf dabei fast als kleines Wunder gelten.

    1851 endete die Zeit der Franzosen im Rheinland und die Preußen übernahmen das Ruder. 1833 besuchte der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm von Preußen Neuss. Die Neusser legten sich mächtig ins Zeug und auch das Quirinusmünster wusste mit seiner eigentümlichen Architektur den Kronprinzen zu überzeugen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche Zug um Zug restauriert und reich ausgeschmückt.

    Und wieder von vorn: Zerstörung und Wideraufbau

    Noch kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 stand der Dachstuhl des Westturms erneut in Brand. Unter anderem wurde das komplette Geläut dabei vernichtet. Insgesamt hielten sich die Schäden im ersten Weltkrieg aber in Grenzen.

    Der zweite Weltkrieg war weniger gnädig. Auch wenn die Kirche in den ersten Kriegsjahren trotz insgesamt 136 Luftangriffen wenig Schäden erlitt, änderte sich das am 5. Januar 1944 um zwölf Uhr Mittags. Amerikanische Bomber entluden ihre Bombenlast über dem Hafen und der Stadt. Eine Sprengbombe riss das Münster auf wie eine Konservendose. Die komplette Ostapsis stürzte ein und öffnete das Kirchenschiff wie eine überdimensionierte Garage. Wie durch ein Wunder blieb die Kuppel mit dem Standbild des hl. Quirinus unversehrt. Offensichtlich waren die 740 Reichstaler zweihundert Jahre zuvor gut angelegt.

    Doch auch diese Katastrophe überstand des Münster und wurde in den Jahren nach dem Krieg relativ schnell wieder aufgebaut. Zunächst improvisierte man jedoch und zog eine hölzerne Absperrwand im Kirchenschiff und eine Sicherheitsdecke unter dem Gewölbe ein. Bereits im Dezember 1945 konnten die Neusser so ihren Weihnachtsgottesdienst wieder in ihrer geliebten Münsterkirche feiern – auch wenn es zweifellos eher wie ein Ruine aussah als eine prächtige Kirche.

    Die Basilica minor

    In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche mehrfach restauriert und steht heute als unverkennbares Wahrzeichen der Stadt Neuss stolz über der Stadt. Als – vorerst – krönender Abschluss wurde die ehrwürdige Kirche am 6. Oktober 2009 von Papst Benedikt XVI. zur Basilica minor erhoben. Der Ehrentitel unterstreicht die Bedeutung dieser Kirche für Neuss und das Umland.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund KI-generiert
    Bild im Text: Ausschnitt aus Stadtansicht von Neuss aus Braun und Hogenberg 1590

  • Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    In dieser Geschichte geht es um einen Heiligen, einen Papst, eine Äbtissin und eine größere Kirche. Es geht um den Glauben an göttlichen Beistand und die Fürsprache der Heiligen. Es geht aber auch um Ruhm, Ehre, Macht und klassische Vermarktung.

    Die Geschichte

    Um 950 wurde in Neuss durch die Stiftung einer reichen adligen Familie ein Benediktinerinnenkloster errichtet. Etwa hundert Jahre später stand diesem Kloster die Äbtissin Gepa vor.

    Gepa von Neuss war die Schwester von Papst Leo IX. Durch diese familiäre Verbindung und vom gemeinsamen Wunsch nach Stärkung des christlichen Glaubens getrieben, schenkte Papst Leo IX. seiner Schwester die Reliquien des hl. Quirinus, einer der bedeutendsten frühchristlichen Märtyrer.

    Genau am 30. April 1050 traf Gepa mit den Gebeinen des hl. Quirinus im Gepäck per Schiff aus Rom in Neuss ein. Selbstverständlich wurde das nicht nur in Neuss gebührend gefeiert, sondern auch im gesamten Rheinland proklamiert. Auch heute noch ist der 30. April der Tag des Patroziniums.

    Die Protagonisten

    Der Heilige

    Über den hl. Quirinus und seine Geschichte gibt es einen eigenen Beitrag. Den könnt ihn hier lesen.

    Die Äbtissin

    Gepa von Neuss stand einem angesehen Kloster vor. Sie war zweifellos nicht nur wohlhabend, sondern über familiäre Verbindungen auch gut vernetzt. Ihr Bruder war erst Bischof von Toul, später dann sogar Papst. Über Ecken war sie sogar mit dem Kaiser verwandt. Es ist also glaubhaft, dass ihr die Bitte nach einer wichtigen christlichen Reliquie zur Stärkung des Glaubens in Neuss erfüllt wurde.

    Der Papst

    Papst Leo IX. war der erste und bedeutendste der fünf „deutschen“ Päpste. er stammte aus einer oberelsässischen Grafenfamilie, die mit dem deutschen Kaiser Heinrich III. verwandt war. Bereits mit 24 Jahren wurde er Bischof von Toul. 1048 wurde er auf dem Reichstag zu Worms zum Papst ernannt. Da er sich jedoch als „Bischof von Rom“ noch die Legitimation des römischen Klerus und Volkes wünschte, nahm er erst im folgenden Jahr die Papstwürde an.

    Leo IX. war ein Reformer und bereiste häufig die Reichsteile nördlich der Alpen. Er festigte die Position des Papstes und seine Macht unter anderem dadurch, dass er den Menschen als Mann des Volkes gegenübertrat.

    Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass er der Bitte seiner Schwester nachgekommen ist, den Glauben der Menschen in der Stadt Neuss mit den Reliquien des hl. Quirinus zu festigen.

    Die Klosterkirche

    Im Jahre 1179 wurde das Benediktinerinnenkloster in ein Damenstift umgewandelt. Der Unterschied bestand im Wesentlichen darin, dass die Nonnen im Kloster deutlich striktere Regeln befolgen mussten, als die Stiftsdamen. Die Stiftsdamen verfügten darüber hinaus über eigenes Vermögen, eigene Wohnungen und konnten auch aus der Gemeinschaft wieder austreten. Beide Einrichtungen dienten jedoch dem gleichen Zweck, nämlich der Versorgung der unverheirateten weiblichen Familienmitglieder.

    Das Damenstift war in Neuss die wohlhabendste Klostergemeinschaft und verfügte auch über die größte Kirche. Doch mit der immer weiter zunehmenden Verehrung des hl. Quirinus wurde diese Kirche zu klein. So wurde 1209 mit dem Bau einer erheblich größeren Kirche, der Quirinus-Basilika begonnen.

    Ohne die Reliquien, den damit verbundenen Ruhm und den in Folge entstandenen Pilgerstrom, wäre ein Neubau sicher nicht notwendig gewesen.

    So schön die Geschichte klingt, so falsch ist sie leider auch. Eine Verehrung des hl. Quirinus fand jedenfalls schon deutlich früher, mindestens seit 1021 in Neuss statt. Und ob Gepa und Leo wirklich Geschwister waren, ist zumindest zweifelhaft. Viel spannender ist, dass die Geschichte in dieser Form überhaupt erst im 15. und 16. Jahrhundert erzählt wurde.

    Eines ist sicher, die Reliquien zogen im Mittelalter wie ein Magnet Millionen von Pilgern an. Es wurde fleißig mit Reliquien gehandelt und gerne auch mal betrogen. Reliquien fokussierten den Glauben. Für die damaligen Menschen, die in der Mehrheit weder lesen noch schreiben konnten, wurde ihre Religion in den bebilderten Heiligengeschichten und Reliquien begreifbar.

    Wenn diese Geschichten auserzählt waren, wurden oft neue Legenden erfunden. Im Volk gab es niemand, der den Wahrheitsgehalt hätte prüfen können. Es war im Grunde auch egal, Hauptsache die Geschichten waren schön. Es ging zwar alles viel langsamer als heute, aber die Mechanismen zur Aufmerksamkeitserregung konnte man auch damals bereits beobachten.

    Nur wenig später als in Neuss, im Jahr 1164, „schenkte“ Kaiser Barbarossa seinem Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der heiligen drei Könige. Dass diese eigentlich zwei Jahre vorher aus Mailand geraubt wurden, wo sie seit dem 4. Jahrhundert aufbewahrt wurden, ist offensichtlich irrelevant.

    Auch hier wurde die Überführung der Gebeine von Italien nach Köln ausführlich zelebriert. Heute würde man wohl sagen, marketingtechnisch nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. Und auch hier entstand anschließend ein bemerkenswerter Aufschwung durch die Pilgerströme, der ebenso wie in Neuss zum Bau einer neuen größeren Kirche, des Kölner Doms, führte.

  • Zeughaus

    Zeughaus

    „Zeughaus“ ist schon ein merkwürdiger Name. Sieht das nicht wie eine Kirche aus? Allerdings fehlen die typischen religiösen Symbole wie z.B. Heiligenstatuen. Welche Geschichte hat dieses merkwürdige Gebäude?

    Klosterkirche

    Seit etwa 1620 war neben den Jesuiten der Orden der Franziskaner-Observanten in Neuss aktiv. Dieser Orden, der die Gebote des hl. Franziskus besonders streng befolgte, half den Jesuiten bei religiösen Aufgaben und hielt seine Gottesdienste in einem Seitenaltar des Quirinus-Münsters ab. Da der Orden einerseits im Münster nur geduldet wurde und andererseits Zulauf aus anderen Teilen Deutschlands erhielt, wollten die Oberen ein eigenes Kloster.

    Im Mai des Jahres 1632 erhielt der Orden vom Erzbischof in Köln die Erlaubnis, in Neuss ein eigenes Kloster einzurichten. Man sollte meinen, dass die Brüder danach sofort mit dem Bau begonnen hätten. Dem war aber nicht so, da der Stadtrat von Neuss dies ganz und gar nicht gut fand und das Projekt torpedierte, wo es nur ging.

    Der Stadtrat führte offiziell mehrere Argumente ins Feld:

    • Der von Almosen lebende Bettelorden könne sich auf Dauer gar nicht in der Stadt halten.
    • Es gäbe außer dem Quirinus-Stift mit fünf „Mannsklöstern“ und drei „Jungfrauenklöstern“ bereits mehr als genug geistliche Gemeinschaften in Neuss.
    • Der Bau eines weiteres Klosters im östlichen Teil der Stadt würde die Verteidigung erschweren, zumal bereits die Hälfte des Stadtgebietes aus „geistlichen Plätzen“ bestünde.
    • Ein Klosterbau würde in der engen Stadt den verfügbaren Platz für Bürgerhäuser, Werkstätten und Läden weiter einschränken.

    Sehr wahrscheinlich waren es überwiegend die wirtschaftlichen Gründe, die den Stadtrat damals bewegten. Die Klostergemeinschaften waren von der Steuer befreit. Händler und Handwerker hätten die Stadtkasse besser gefüllt.

    Nach weiteren jahrelangen Streitigkeiten, in deren Verlauf der Stadtrat sogar einmal die frisch gebauten Fundamente wieder einreißen ließ, wurde die Kirche 1639 fertiggestellt und 1640 geweiht. Die Brüder hatten ihren Traum von einer eigenen Kirche mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit endlich realisiert. Das Klostergebäude wurde übrigens erst 1655 fertig.

    Kanonen

    Im Zuge der Säkularisation mussten die Observanten das Kloster samt Kirche 1802 aufgeben. Die Stadt Neuss musste als neue Eigentümerin das Gebäude irgendwie sinnvoll nutzen, was anscheinend nicht so einfach war.

    Von 1826 an wurde das Gebäude dann 38 Jahre an die preußische Militärbehörde vermietet. Diese machte daraus ein Lager für Waffen und anderes militärisches Gerät. Im Soldatenjargon war das ein „Zeughaus„. Dieser Name setzte sich in den Köpfen der Neusser fest und blieb fortan bestehen.

    Kultur

    Wer heute auf dem Freithof in der Mitte der Altstadt steht, erkennt schnell, dass ein Lagergebäude hier völlig fehl am Platz wäre. Dennoch wurde es jahrzehntelang noch so genutzt und an Neusser Firmen vermietet. 1923 erkannten die Stadtoberen endlich das Potenzial und machten 1923/24 aus dem Gebäude einen Theater- und Festsaal.

    Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude, wie die Mehrheit der Gebäude in Neuss, stark zerstört und 1949 wieder aufgebaut. Nach mehreren Aus- und Umbauten im Laufe der Jahre erstrahlt das Zeughaus heute als moderne Veranstaltungsstätte für Konzerte, Feste, Tagungen und Versammlungen.

    Eine sympathische junge Kollegin meinte zu diesem Gebäude: Man muss sich eigentlich nur die Begriffe „Kloster“, „Kanonen“ und „Kultur“ merken, um die Geschichte des Gebäudes zu beschreiben. Das finden wir auch.

    Übrigens stand in der großen Nische über dem Eingangsportal entgegen anderslautender Gerüchte nie ein Schützenkönig, sondern eine Statue des hl. Franziskus.

    Die Gedenktafel links unten an der Westfassade ist dafür aber der erste dauerhaft sichtbare Hinweis auf die Bedeutung des Neusser Schützenwesens. Der Schützenkönig des Jahres 1972, Dr. Heinz Günther Hüsch, bemängelte, dass in der Stadt außerhalb der Zeit des Schützenfestes, nichts an dieses bedeutende Brauchtum erinnert. Es gab kein Denkmal, keinen Straßennamen, nichts. Also hat er die Gedenktafel als Königsgeschenk der Stadt und der Bürgerschaft hinterlassen.

    Seinem Beispiel sind in den späteren Jahren viele Schützenkönige gefolgt, so dass man zwischenzeitlich überall in der Innenstadt auf Zeugnisse des Schützenwesens trifft.

  • St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    Die ikonische Kirche, im Oktober 2009 von Pabst Benedikt XVI. zur Basilika minor erhoben, ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt Neuss. Sie beherbergt die Reliquien des Stadtpatrons St. Quirinus und hat eine spannende Geschichte. Schauen wir mal rein.

    Der Standort

    Wie an anderer Stelle erwähnt, hat die Stadt Neuss römische Wurzeln. An der höchsten Stelle einer Erhebung nördlich des Legionslagers bildete sich eine Siedlung. Außerhalb dieser Siedlung, an der Stelle des heutigen Münsters, befand sich in der Spätantike ein Gräberfeld und eine römische Totenkapelle. Die Kirche steht also an einer Stelle, die seit fast 2000 Jahren religiös genutzt wurde.

    Die Vorläuferbauten

    Die kleine Totenkapelle, von den Römern „cella memoria“ genannt, wurde im 9. Jahrhundert durch eine dreischiffige Basilika ersetzt, als in Neuss ein Benediktinerinnenkloster errichtet wurde. Bereits etwas über 100 Jahre später wurde diese Kirche mit einer Krypta erweitert. Im frühen 12. Jahrhundert erfolgte dann erneut eine Erweiterung mit dem Ausbau der Krypta.

    Die Rahmenbedingungen

    Dem Thema „Pilgerfahrten“ wird noch der ein oder andere Beitrag gewidmet, denn da gibt es einiges zu erzählen. An dieser Stelle reicht es zunächst, zu verstehen, dass das Pilgern im frühen Mittelalter nicht nur weit verbreitet, sondern geradezu eine Massenerscheinung mit erstaunlich vielen Beteiligten war.

    Spätestens seit der Übertragung der Gebeine des hl. Quirinus 1050 von Rom nach Neuss durch die Äbtissin Gepa, war Neuss in die erste Reihe der Pilgerstätten am gesamten Niederrhein aufgestiegen.

    In Neuss kreuzten sich verschiedenen Pilgerwege in Nord-Süd und Ost-West-Richtung. Der stetig wachsende Pilgerstrom musste kanalisiert werden. Es mussten ausreichend Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten und vorgehalten werden. Für uns heute schwer vorstellbar, waren die Wallfahrtskirchen im Mittelalter nicht nur Orte der Andacht, sondern wurde auch als Unterkünfte für die Pilger genutzt. Pilger reisten oft in Gruppen und wollten in den besuchten Kirchen auch gemeinsam zu ihren jeweiligen Schutzpatronen beten.

    Man benötigte in Neuss zu Beginn des 13. Jahrhunderts also eine wirklich große Kirche. Sie sollte ein großes Kirchenschiff für die Gottesdienste haben, sollte in den Seitenkapellen Platz für viele Altäre bieten und sollte nicht zuletzt auf den Emporen Platz für übernachtende Pilger vorhalten. Und natürlich sollte die neu erbaute Kirche auch ein Statement zu Reichtum und Macht der Stadt Neuss sein.

    Tatsächlich gab es schon vor der legendenumwobenen „Translatio“ der Reliquien 1050 eine Verehrung des hl. Quirinus in Neuss. So wird z.B. in Quellen beschrieben, dass der Kölner Erzbischof Heribert 1021, kurz vor seinem Tod, die Stadt Neuss besuchte um zum hl. Quirinus zu beten.

    Die Geschichte von Äbtissin Gepa und ihrem Bruder Pabst Leo IX. wurde erst im 15. oder 16. Jahrhundert ersonnen. Aber die Geschichte ist so schön, dass wir sie weiter erzählen.

    Finanzierung und Bau der Basilika

    Dank des gut beschrifteten Grundsteins kennen wir das Datum der Grundsteinlegung genau. Es war der 9. Oktober 1209 an dem Meister Wolbero mit dem Bau der Kirche begann.

    Das Geld für den Bau kam einerseits vom Damenstift, das im 12. Jahrhundert aus dem vormaligen Benediktinerinnenkloster entstammte. Hier lebten damals bis zu 25 wohlhabende adlige Damen weitreichender Verwandtschaft und stattlichen Einkünften.

    Andererseits stammte wohl ein hoher Beitrag aus der Schatulle des ehemaligen Kölner Erzbischofs Adolf, der auch auf dem Grundstein erwähnt wird. Adolf machte 1204 den schweren politischen Fehler, den falschen Kandidaten für die deutsche Kaiserkrone zu unterstützen. Das führte postwendend 1205 zu seiner Exkommunikation und dem Verlust aller geistlichen Ämter. Adolf zog sich nach Neuss zurück, war aber aufgrund einer stattlichen Jahresrente weiterhin durchaus vermögend. Adolf starb 1220 in Neuss und hat den Bau der Kirche sicherlich genau verfolgt.

    Und schließlich gab es Geldmittel aus Spenden, Stiftungen und Erbschaften von Adligen und reichen Bürgern die vor allem mit dem Ziel gegeben wurden, sich angesichts des Todes wohlwollenden himmlischen Beistand zu sichern.

    Aufgrund der gut gefüllten Kasse und vielleicht auch einer guten Organisation an der Baustelle, konnte das Münster in einer Rekordzeit fertiggestellt werden. Wir kennen zwar leider das Einweihungsdatum nicht, es wird aber angenommen, dass die Kirche schon 1235 weitgehend errichtet war.

    Zum (nicht ganz ernst gemeinten) Vergleich: Der Bau des Kölner Doms begann 1248, nachdem die benachbarten Neusser mit einem beeindruckenden Bauwerk mächtig in Vorlage gegangen waren. Vollendet wurde der Kölner Dom erst 1880.

  • St. Quirinus

    St. Quirinus

    Er steht weithin sichtbar auf der Kuppel des Wahrzeichens von Neuss. Das Münster, übrigens eine Basilica Minor, ist nach im benannt. Er selbst ist Patron der Stadt Neuss. Die Rede ist von dem heiligen Quirinus. Wer war dieser Mann?

    Zunächst war er offensichtlich ein römischer Offizier, der stolz mit Helm, Lanze, Fahne und Wappenschild dargestellt wird. Aber wie wurde ein römischer Soldat ein Heiliger der katholischen Kirche?

    Die Geschichte

    Quirinus war in 2. Jahrhundert n.Chr. ein römischer Offizier, der mit der Bewachung gefangener hochrangiger Christen beauftragt war. Einer seiner Gefangenen war Papst Alexander I. Ein weiterer Gefangener war der zum christlichen Glauben bekehrte Präfekt der Stadt Rom namens Hermes.

    Quirinus verspottete Hermes, da er offensichtlich nichts von dem neuen Glauben an ein ewiges Leben nach dem Tod hielt. Sofern Hermes ihm aber einen Beweis für die Überlegenheit seines Glauben liefern könne, versprach er ebendiesen Glauben anzunehmen.

    Als Verantwortlicher für die Inhaftierten war er offensichtlich von seinen Sicherheitsmaßnahmen überzeugt. Wenn Hermes und Alexander sich trotz getrennter Zellen und doppelter Wachen beide gleichzeitig in einem Raum einfinden würden, wäre das wohl ein Beweis.

    Er staunte nicht schlecht, als Alexander, durch einen Engel Gottes geführt, im Raum des Hermes auftauchte. Aber so richtig überzeugt war er anscheinend noch nicht. Jetzt wird die Geschichte persönlich.

    Quirinus Tochter Balbina litt an einem Kropf und war schwer krank. Als guter Vater hätte Quirinus alles dafür getan, seine Tochter zu heilen. So versprach er Alexander, sich und seine Familie taufen zu lassen, wenn sie gesund werden würde. Alexander ließ sich die Ketten des Apostels Petrus ins Gefängnis bringen und berührte damit den Hals der Balbina. Daraufhin wurde Balbina gesund. Quirinus hatte keine Argumente mehr und ließ sich und seine Familie taufen.

    Da das Christentum damals von den Römern unter Kaiser Hadrian noch brutal bekämpft wurde, unterschrieb er damit sein Todesurteil. Er wurde gefoltert, entsagte aber seinem neuen Glauben nicht. Im Jahre 118 wurde er dann schließlich enthauptet und seine Gebeine in den Praetextus-Katakomben an der Via Appia in Rom beigesetzt.

    Sie landeten, wie wir an anderer Stelle sehen werden, dann später hier in Neuss. Seine Gebeine werden heute in einem prächtigen Reliquienschrein aus dem 19. Jahrhundert aufbewahrt. Der ursprüngliche Schrein wurde 1585 durch plündernde Truppen zerstört. Der zweite, einfacher ausgeführte Schrein steht heute im Clemens-Sels-Museum.

    Für die Gläubigen ist Quirinus der Schutzpatron unter anderem gegen Pest, Gicht, Viehseuchen und vor allem der Pferde. Im Mittelalter war das sehr gefragt, daher auch die Popularität des Heiligen. St. Quirinus war auch einer der vier heiligen Marschälle. Diese Heiligen des frühen Christentums wurden besonders im Rheinland verehrt und halfen als besonders herausgehobene Schutzheilige vor allem bei unerklärlichen Seuchen und Krankheiten. Neuss hat von dieser Verehrung sehr profitiert und wurde ein bedeutender Wallfahrtsort.

    Wie Die Reliquien des Hl. Quirinus nach Neuss gekommen sind und was das in Folge ausgelöst hat, ist eine andere Geschichte in diesem Blog.

    Wer wissen will, wie Neuss sich im Zuge der Quirinusverehrung entwickelt hat, liest weiter im Blog oder bucht eine Führung. Wir haben noch viel mehr Geschichten zur Geschichte.