Ein Hexenprozess in Neuss mit ungewöhnlichem Ausgang.
Am 3. Juni 1677 wurde in Neuss die 18jährige Halbwaise Catharina Halffmans wegen Verdachts der Hexerei verhaftet. Die junge Frau hatte den Fehler begangen, sich Geistlichen im Observantenkloster in Briefen anzuvertrauen. Sie bat darin um geistlichen Beistand, da sie an vielen Dingen zweifelte und sich in einem „verführlichen Zustand“ wähnte.
Zur damaligen Zeit führten solche Hexenprozesse ziemlich sicher zum Tode, nicht ohne vorherige „peinliche Befragung“ – oder mit anderem Wort brutale Folter zur Erzwingung eines Geständnisses. Vorsichtigen Schätzungen nach verloren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 25.000 Menschen, meist Frauen, ihr Leben.
Der Prozess
Die Stadt wollte kurzen Prozess machen. Der Ankläger war Pater Guardini, der Leiter des Observantenklosters. Die junge Frau hatte bereits ohne Anwendung der Folter alles gestanden. Wo ist da das Problem?
Der Vogt Anton Sibenius, als Vertreter des damaligen Kurfürsten Maximilian Heinrich, geriet jedoch schnell mit dem Stadtrat über das Verfahren in einen heftigen Streit. Es keineswegs um die arme Frau, die als Hexe beschuldigt wurde. Es ging im Wesentlichen darum, wer in Neuss die Blutgerichtsbarkeit ausüben durfte und wer die städtische Justiz kontrollieren darf.
Der Vogt nutze den Prozess um den Stadtrat in die Schranken zu weisen. Der Stadtrat wollte seine alten Rechte wiedererlangen, die von den Landesherren immer weiter beschnitten wurden. Beide Instanzen gaben nicht nach und zogen schlussendlich sogar vor das Reichskammergericht in Speyer.
Der Ausgang
Aus dem Hexenprozess war ein hochpolitischer Machtkampf zwischen den Institutionen geworden. Die lachende Dritte war überraschenderweise Catharina Halffmans. Am 30. April 1679 gelang ihr mit Hilfe französischer Soldaten die Flucht aus dem Gefängnis. Der Stadtrat hatte das Thema wohl satt und unterließ jede Nachverfolgung. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt.
In einer Zeit, in der Hexenprozesse allzu oft tödlich endeten, überlebte sie – nicht wegen eines Freispruchs, sondern weil sich die Obrigkeiten gegenseitig blockierten.
Eines der grausamen Mittel zur Ermittlung der „Wahrheit“ war der sogenannte Hexenstuhl. Ein Stuhl dessen komplette Oberfläche mit spitzen Nägeln gespickt war. Wer darauf festgebunden wurde, konnte wohl nach kurzer Zeit vor Schmerzen kaum noch denken und „gestand“ alles, was verlangt wurde.
Ein solcher Hexenstuhl ist übrigens heute im Kehlturm zu besichtigen. Echt ist er wohl nicht, da geschmiedete Nägel im Mittelalter eher viereckig und nicht rund waren, wie bei dem Stuhl im Kehlturm. Eine grausige Vorstellung von den Methoden gibt er dennoch.
Übrigens: Obwohl Catharina Halffmans bereits zu Beginn des Prozesses alles gestand, was man von ihr verlangte, wurde sie nach einem Jahr Kerkerhaft trotzdem nochmals unter Folter befragt. Zur Wahrheitsfindung hat dies sicher nicht beigetragen.
Wer mehr über das Vogthaus in Neuss und die Vögte im Mittelalter wissen will, kann hier weiterlesen.
Bild.: Ausschnitt aus T.J.V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam 1686)


