Ein verliebter Bischof und Kurfürst versetzt das Reich in Unruhe. Was als Heiratswunsch begann, entwickelte sich zu einem Machtkampf und endete in einem Krieg. Neuss gerät zwischen die Fronten und wird dabei fast ausgelöscht.
Die Vorgeschichte
Einige Jahrzehnte nachdem Martin Luther seine Thesen 1517 an die Kirchentür in Wittenberg genagelt hatte, waren die weltlichen und religiösen Machtverhältnisse im Deutschen Reich klar verteilt. Die katholischen Kurfürsten waren in der Mehrheit. Der Kaiser war katholisch. Der jeweilige Kurfürst und Erzbischof von Köln war einer der wichtigsten Garanten dieser Ordnung.
Gebhard Truchsess von Waldburg wurde 1577 zum Erzbischof von Köln gewählt. Nur zwei Jahre später verliebte er sich in die schöne Gräfin Agnes von Mansfeld-Eisleben. Das ist an sich schon ein Skandal, war aber im Mittelalter trotz des Zölibats nicht völlig ungewöhnlich. Dumm nur, dass sie eine Stiftsdame evangelischen Glaubens im Stift Gerresheim war.
Zunächst sah alles danach aus, als ob die Liebe siegt, aber dann kam die Politik ins Spiel. Gebhard wollte die Dame heiraten und seine Ämter niederlegen. Die evangelischen Kurfürsten sahen jedoch ihre große Chance gekommen. Wenn Gebhard mit dem Kurfürstentum Köln zum evangelischen Glauben übertreten würde, könnten sich die Machtverhältnisse im Deutschen Reich ändern.
Gebhard trat 1582 offen zum reformierten Glauben über und heiratete 1583 die Gräfin, verzichtete jedoch nicht auf seine Ämter. Das konnte weder dem katholischen Kaiser noch dem Pabst gefallen. Der Eine enthob ihn aller seiner Ämter, der Andere exkommunizierte ihn.
Das Kölner Domkapitel wählte daraufhin den Bayern Ernst von Wittelsbach als neuen Erzbischof und Kurfürsten. Gebhard ging jetzt erst Recht auf Konfrontationskurs und stürzte den Westen in einen zerstörerischen Krieg mit gegenseitigen Raubzügen und Plünderungen.
Neuss kommt ins Spiel
Neuss war in dieser Zeit eine der Perlen im Kurfürstentum Köln. Die Neusser verhielten sich zwar loyal gegenüber dem neuen Wittelsbacher Landesherrn, lehnten dessen Angebot zur militärischen Verstärkung der Stadt aber ab.
Das stelle sich als grober Fehler heraus. In einer Mainacht 1585 gelang es den truchsessischen Truppen unter Graf Adolf von Neuenahr und Moers, die Stadt im Handstreich einzunehmen. Wie schon vorher in anderen rheinischen Städten verhielten sich die Eroberer nicht zimperlich und plünderten, zerstörten und erpressten Lösegelder. Die Eroberer blieben in der Stadt und ließen sich von den eingeschüchterten Bürgern die Treue schwören.
Der neue Landesherr Ernst von Wittelsbach war ein Bruder des Königs von Bayern, der wiederum zu dieser Zeit mit den spanisch-katholischen Niederlanden verbündet war. Ernst von Wittelsbach rief ebendiese Spanier unter dem Feldherrn Herzog Alexander von Farnese zur Hilfe. Sie sollten in seinem Namen Neuss zurückgewinnen.
Die Spanier ließen sich nicht lange bitten und marschierten von den Niederlanden aus nach Neuss. Mit fünffacher Übermacht forderten Sie im Juli 1586 die kampflose Übergabe der Stadt. Graf Adolf ging, vielleicht im Vertrauen auf die Widerstandsfähigkeit der Stadt gegen die burgundische Belagerung 1475, nicht darauf ein.
Und wieder stellte sich das als Fehler heraus. Nur zwei Wochen später begannen die Spanier die Beschießung der Stadt. Die Belagerten erkannten sehr schnell, dass sie sich verkalkuliert hatten. Graf Adolf versuchte zwar noch, auf dem Verhandlungsweg eine geregelte Kapitulation zu erreichen, aber die spanischen Söldner wollten sich die fette Beute nicht mehr entgehen lassen.
Die Truppen drangen ohne Befehl in die Stadt ein und begannen hemmungslos zu morden und zu plündern. Das alleine war schon schlimm genug. Aber es kam noch viel schlimmer.
Eine Katastrophe für Neuss
Heute ist aus den verfügbaren Quellen nicht mehr nachzuvollziehen, was genau die Ursache war. War es ein Unglück, ausgelöst durch zufällige Brände? War es absichtlich erfolgt, um die Stadt zu strafen? War es blindwütiger Vandalismus?
Das Pulverlager im Rheintor geriet während der Unruhen in Brand und entwickelte sich rasend schnell zu einem Feuer, dass fast die gesamte Stadt erfasste. Das Feuer war so enorm, dass es bis Köln zu sehen gewesen sein soll. Der Brand vernichtete oder beschädigte zwei Drittel der Häuser, die damals noch überwiegend aus Fachwerk bestanden. Auch das Quirinusmünster wurde schwer beschädigt. Lediglich die weiter entfernt liegenden Stadtteile um das Obertor und das Zolltor kamen einigermaßen glimpflich davon.
Kaum waren die Feuer ausgebrannt oder gelöscht, übergab der Herzog von Farnese die völlig zerstörte Stadt an den Kurfürst Ernst von Bayern und zog wieder ab.
Die Neusser bauten in den Jahren und Jahrzehnten danach die Stadt wieder auf. Aber die Folgen der Katastrophe waren so schwerwiegend, dass Neuss nicht mehr an die alten glorreichen Zeiten anknüpfen konnte.
Die Söldner der spanischen Truppen plünderten nach der Erstürmung der Stadt was das Zeug hielt. Unter anderem verschwanden fast alle wertvollen Kultgenstände aus Gold und Silber aus dem Quirinusmünster und anderen Neusser Kirchen und Klöstern.
Der größte Schatz der Neusser war jedoch spiritueller Natur. Die 1050 nach Neuss überführten Reliquien des hl. Quirinus waren das Wertvollste, was die Stadt besaß.
Die Spanier waren nur an dem Gold des Reliquienschreins interessiert. Sie raubten den Schrein und ließen die darin aufbewahrten Knochen achtlos verstreut zurück. Der Neusser Bürger Heinrich Fischer barg die Reliquien unter Lebensgefahr aus der Kirche und versteckte sie in seinem Haus.
Wie durch ein Wunder stoppte der große Stadtbrand genau vor dem Haus der Familie Fischer, in dem die Reliquien kurz gesichert waren.
Diese Geschichte wird auf zwei Tafeln des neuen Quirinusschreins von 1900 bildhaft dargestellt.


