Kategorie: Geschichte

Hier geht es im Wesentlichen um historische Ereignisse in Neuss und deren Hintergründe auf deutscher oder europäischer Ebene.

  • Tile Kolup – Der falsche Kaiser

    Tile Kolup – Der falsche Kaiser

    Eine Episode, an die Neuss nicht gerne erinnert werden will. Aus Köln mit Schimpf und Schande hinausgejagt, hielt der falsche Kaiser Friedrich II. monatelang in Neuss Hof. Waren die Neusser nur naiv oder steckt mehr dahinter?

    Die Vorgeschichte – Das Interregnum

    Nichts war so wie früher. Überall verlangten die Städte Zoll, Räuberbanden machten die Straßen unsicher. Längere Reisen und Warenhandel waren mühsam und gefährlich geworden. Chaos und Willkür herrschten überall. Was war los im Deutschen Reich?

    Angefangen hatte alles mit einem Streit des Stauferkaisers Friedrich II. mit Papst Innozenz um die politische Vorherrschaft. Der Papst exkommunizierte den Kaiser und ließ ihn 1245 in Lyon absetzen. Obwohl Friedrich II. in Italien unangefochten blieb, führte das in Deutschland dazu, dass sich hintereinander mehrere Gegenkönige um die Macht stritten. Diese waren oft nur Marionetten an den Fäden der Reichsfürsten, die ihrerseits ihre eigene Machtposition zu stärken versuchten. Die übergeordnete Reichsmacht verfiel zusehends.

    Friedrich II. starb 1250 im fernen Apulien. Mit ihm endete die Herrschaft der Staufer. Erst 1273 einigten sich die deutschen Fürsten auf Rudolf von Habsburg, mit dem die Herrschaft der Habsburger begann. Die Probleme waren jedoch noch lange nicht gelöst und das gemeine Volk bekam von der hohen Politik ohnehin nicht viel mit.

    Nur unter diesen Umständen scheint möglich, was dann passierte.

    Kaiser Friedrich II. ist wieder da!

    Ein fast achtzigjähriger vollbärtiger Greis zieht 1284 in Köln über die Märkte und behauptet von sich, er sei der seit 30 Jahren verschollene Kaiser Friedrich II. Er sei des Regierens müde gewesen und nach Jerusalem gepilgert. Dort sei er eingekerkert und erst nach 30 Jahren freigelassen worden. Nun sei er zurück und beanspruche wieder den Thron.

    So redegewandt er auch war, die Kölner hielten ihn für einen Scharlatan und jagten ihn am Ende in Jauche getaucht aus der Stadt. Nachdem er in Köln eine Niete gezogen hatte, versuchte er es im Herbst des selben Jahres rheinaufwärts in Neuss.

    Jetzt passierte das erstaunliche. Die Neusser rollten ihm den roten Teppich aus und ermöglichten ihm in der Stadt eine Hofhaltung zu etablieren, die eines echten Kaisers würdig war. Der Greis wusste viele Details aus dem Leben des verschollenen Kaisers, er führte ein kaiserliches Siegel mit sich, trat selbstbewusst auf und verhielt sich durch und durch wie ein Kaiser. Am erstaunlichsten war aber, dass er keineswegs mittellos schien. So lud er Adlige und Neusser Bürger oft und gern zu Festessen und Trinkgelagen in die Gasthäuser der Stadt ein und war auch ansonsten nicht knausrig.

    Ungeachtet der unrühmlichen Vorgänge in Köln zog die Hofhaltung des wiedergekehrten Kaisers viele Schaulustige aus dem ganzen Reich, ja sogar aus Italien an. Selbst Adlige versuchten mit seiner Hilfe verlorene Privilegien wiederzuerlangen. Das Treiben spülte nicht unerhebliche Gelder in die Stadt. Dem Stadtrat schien das so zu gefallen, dass er selbst freigiebig zur Hofhaltung des vermeintlichen Kaisers beitrug.

    Das Spiel fing im Frühjahr des Jahres 1285 an zu kippen. Der Versuch, den Grafen Florenz V. von Holland auf Linie zu bringen, ging gehörig schief. Dieser verspottete den Scharlatan in Neuss und dachte gar nicht daran, sich im unterzuordnen.

    Kurz darauf verlangte der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg von den Neussern vor dem Stadttor die Auslieferung des Scharlatans. Die Neusser weigerten sich. Siegfried hätte militärische Gewalt anwenden können, vermied das jedoch und wartete ab.

    Die letzte Herausforderung

    Nach den 20 Jahren Interregnum hatte König Rudolf von Habsburg viel zu tun, um seine Macht zu stärken und die Ordnung im Reich wiederherzustellen. Er führte überwiegend im Süden Krieg, verlangte aber von allen Städten im Reich Steuern in Höhe eines dreißigsten Pfennig (3,33%) auf ihr gesamtes Vermögen, um seine Feldzüge zu finanzieren.

    Verständlicherweise gefiel das nicht allen, so dass sich einige Städte, darunter auch Wetzlar, gegen die Steuern wehrten. Um dem Aufstand den Anschein der Rechtmäßigkeit zu geben, liefen sie in das Lager des falschen Kaisers über. Dieser zog tatsächlich im Juni 1285 nach Wetzlar und forderte Rudolf von Habsburg offen heraus.

    Das Spiel ist aus!

    Bisher schenkte Rudolf dem Treiben des alten Mannes, der sich für Friedrich II. ausgab, wenig Beachtung. Aber durch den Aufstand der Städte und die offene Herausforderung sah er sich nun zum Handeln genötigt. Anfang Juli 1285 stand er mit seinem Heer vor Wetzlar und verlangte die Auslieferung des Scharlatans.

    Nach einigem Hin und Her, bei dem der selbstbewusste alte Mann zunächst sogar erfahrene Adlige von seiner Geschichte überzeugen konnte, lieferten ihn die Wetzlarer schließlich an Rudolf aus.

    Erst unter Folter gestand der falsche Friedrich in Wahrheit ein friesischer Bauernsohn zu sein und Tile Kolup zu heißen. Er habe in jungen Jahren unter Kaiser Friedrich gedient und dort seine speziellen Kenntnisse über den Hof und die Kriegszüge des echten Kaisers erlangt.

    Das Urteil erging schnell und war hart. Am 7. Juli 1285 wurde er vor den Toren von Wetzlar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Spiel war aus.

    Nochmal kurz zurück. Neuss stand unter der Regentschaft des Erzbischofs von Köln, Siegfried von Westerburg. Siegfried war zwar von König Rudolf als Erzbischof eingesetzt worden, geriet aber schnell mit diesem in Streit um die Erhebung von Steuern und die Freiheit von Reichsorten.

    Manche Historiker vermuten, dass Siegfried insgeheim den falschen Kaiser unterstützte um Rudolf zu schwächen, ja vielleicht sogar dessen Absetzung herbeizuführen. Möglicherweise sponserte Siegfried anfangs die Scharade.

    Später jedenfalls war das nicht mehr nötig. Einmal in Schwung gekommen, unterhielt sich das Schauspiel von selbst. Beispielsweise zahlten die jüdischen Gemeinden dem falschen Kaiser Abgaben, um sich vor der Verfolgung durch die Kirche schützen zu lassen. Auch die verbliebenen Verwandten des letzten Stauferkaisers erkannten ihn, vielleicht aus Hoffnung auf ein Comeback, an und statteten seine Gesandten mit reichen Gaben aus.

    Tile Kolup selbst hat trotz Folter nie preisgegeben, woher seine Geldmittel stammten.

    Dass Siegfried viele Intrigen spann, ist historisch belegt. Beispielsweise hatte er sich den Bischofssitz zu Köln sichern können, obwohl er bei seiner Wahl durch das Domkapitel nur eine einzige Stimme erhalten hatte.

    So ist es sehr wahrscheinlich, dass er sich die Hände gerieben hat, während Neuss sich immer tiefer in Mitschuld verstrickte. Er wusste, dass Neuss irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen würde und er seine Rechte als Landesherr gegenüber der selbstbewussten Stadt deutlich ausweiten könnte.

    Mit dem harten Urteil gegen den Betrüger schien auch das Schicksal von Neuss besiegelt. Der König verfügte, dass die Neusser als Unterstützer der Betrügereien mit der selben Strafe zu belegen seien, wie der Betrüger. Er überließ es aber dem Erzbischof, ob der Stadt tatsächlich alle Rechte und Freiheiten entzogen werden.

    Am Ende hatte Neuss unverschämt viel Glück. Siegfried war zu dieser Zeit intensiv in den Limburger Erbfolgestreit mit den Grafen von Berg verstrickt. Der Streit gipfelte 1288 in der Schlacht von Worringen. Siegfried war auf die militärischen Kräfte von Neuss angewiesen. Anstatt die Stadt hart zu bestrafen, bestätigte er ihr noch im September 1285 alle Privilegien, die sein Vor-Vorgänger ihr erteilt hatte.

    Vielleicht, aber auch nur vielleicht, wollte er Neuss auch deshalb nicht hart bestrafen, weil er an der ganzen Situation nicht unschuldig war und Neuss in sein Intrigenspiel hineingezogen hatte.

    Siegfried hatte die Nachsicht gegenüber Neuss übrigens nichts genutzt. Die Schlacht von Worringen hat er krachend verloren.

    Beitragsbild: Victor Meyer, Königsberg 1868 -Tile Kolup (der falsche Friedrich) und die Wiederkunft eines ächten Friedrich, Kaisers der Deutschen“.
    Dargestellt wird die Verbrennung des Hochstaplers im Kaisergrund von Wetzlar.

  • Die Belagerung von Neuss 1474-1475

    Die Belagerung von Neuss 1474-1475

    Es ist eigentlich nur ein Streit um das Erzbistum Köln. Dennoch hat der Konflikt eine europäische Dimension. Und die kleine Stadt Neuss spielt wieder mal in der großen Geschichte eine entscheidende Rolle.

    Die Vorgeschichte

    Im März 1463 wählt das Domkapitel zu Köln Ruprecht von der Pfalz zum Erzbischof. Nachdem sein Vorgänger dem Erzbistum Köln einen Berg von Schulden hinterlassen hatte, wollte man diesmal auf Nummer sicher gehen. Mit Ruprecht glaubten sie einen würdigen Bischof und leichter zu kontrollierenden Fürsten gefunden zu haben. Anfangs geht das auch gut. Wie so oft im Leben gibt es aber einige Jahre später Streit um die Macht und wieder ums Geld, genauer um die Erhebung von Steuern.

    Der Streit eskaliert und das Domkapitel wählt den Bischof wieder ab und setzt den Domherren Hermann von Hessen als Administrator ein. Ruprecht lässt sich das natürlich nicht gefallen und bittet Karl den Kühnen, Herzog von Burgund um militärischen Beistand.

    Karl der Kühne verfolgt eigene Ziele. Sein burgundisches Reich ist riesig und erstreckt sich von der Mitte Frankreichs bis in die Niederlande. Allerdings ist es ein Flickenteppich. Karl würde gerne die Lücken schließen und strebt zudem insgeheim nach der Kaiserkrone. Er kommt Ruprecht also sehr gerne zu Hilfe.

    Die Lage spitzt sich zu

    Karl der Kühne verfügt zu dieser Zeit über die modernste und bestausgerüstete Streitmacht. Er macht sich also mit einem ca. 14.000 Mann umfassenden Heer von Maastricht aus auf den Weg und will Köln in die Knie zwingen. Bevor er jedoch Köln angreift, will er aus strategischen Gründen erst mal die potenziellen Gefahren in seinem Rücken beseitigen. Da ist diese kleine Stadt Neuss nördlich von Köln mit gerade mal 4.000 Einwohnern. Die sollte eigentlich mit solch einer Übermacht binnen Tagen zu nehmen sein.

    Der zum Administrator ernannte Hermann von Hessen erkennt die Gefahr und eilt mit 70 Rittern, 300 Reitern und 1.500 Fußsoldaten nach Neuss. Er kommt gerade noch rechtzeitig an und beginnt die Verteidigung der Stadt zu organisieren.

    Neuss ist zu dieser Zeit recht gut befestigt. Die Stadtmauer ist solide gebaut und mit fünf großen Toren und etlichen Türmen ausgestattet. Zudem ist fast die gesamte Stadt ringsum mit Wassergräben, kleinen Flüssen und einem Nebenarm des Rheins geschützt.

    Am 29. Juli 1474 erreichen die burgundischen Truppen Neuss und die Belagerung beginnt.

    Die Belagerung

    Die burgundische Belagerung ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Auf der Seite der Belagerer verfasst der Hofschreiber Jean Molinet Lobeshymnen auf seinen Herzog. Auf der Seite der Belagerten wird der in Neuss tätige Notar und Stadtschreiber Christian Wierstraet etwa ein Jahr später eine umfassende gereimte Chronik über den Hergang veröffentlichen.

    Überraschenderweise widersteht Neuss den ersten Angriffswellen und führt auch selbst erfolgreiche Ausfälle gegen die Belagerer aus. Während sich die Belagerung in die Länge zieht, hält Karl der Kühne vor der Stadt Hof. Sein Lager ist nicht nur militärisch gut befestigt, sondern ist mit einem eigenen Markt, allen möglichen Werkstätten und Verkaufsständen sowie Plätzen zur Zerstreuung selbst eine Kleinstadt.

    Insgesamt 10 Monate dauert die Belagerung. Für das kleine Neuss wird die Luft dünn. Die vielen Angriffe fordern einen hohen Blutzoll. Der Beschuss der Stadt führt zu enormen Schäden und auch die Lebensmittelvorräte werden langsam knapp. Die Bürger verlässt schon fast der Mut.

    Während einer besonders kritischen Situation, bei der sich viele Neusser versammeln und ergeben wollen, lässt Hermann von Hessen die Alarmglocken läuten. Die Bürger eilen zu den Waffen und auf die Mauern. Die Versammlung endet, bevor sie richtig begann. Es gab in Wirklichkeit keinen Angriff. Hermann von Hessen hat die Situation mit einem Trick gerade noch mal in den Griff bekommen.

    Rettung naht – langsam

    Friedrich III., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ist über die Ambitionen Karls des Kühnen natürlich nicht erfreut. Nur ein Jahr vorher hatte er mit Karl dem Kühnen über eine Hochzeit zwischen dessen Tochter und seinem Sohn verhandelt. Nun setzte Karl ihn mächtig unter Druck. Gleich nach Beginn der Fehde beruft Friedrich III. den Reichstag ein und organisiert den Widerstand. Dabei ist er jedoch von seinen Kurfürsten und den Reichsstädten abhängig. Bis diese ihre Kontingente aufgestellt haben und zum Reichsheer stoßen, vergehen Monate.

    Friedrich III., seinerzeit als nicht sonderlich entscheidungsfreudig verschmäht, spielt auf Zeit. Er weiß, dass Karl umso mehr unter Druck gerät, je länger die Belagerung ohne Erfolg bleibt. Zudem gerät Karl in seinem Stammland Burgund in Schwierigkeiten. Der Waffenstillstand mit Frankreich läuft aus, der Herzog von Lothringen erklärt ihm den Krieg und der englische König verlangt von ihm die zugesicherte Bereitstellung von Truppen für einen Angriff auf Frankreich.

    Als die Neusser fast alle Hoffnung aufgegeben haben und in der Obertorkapelle um Gottes Beistand bitten, landet eine hohle Kanonenkugel mit einer Botschaft in der Stadt. Rettung naht, das Reichsheer kommt!

    Nachspiel und Belohnung

    Das Ende der Belagerung fordert nochmals einen Blutzoll. Zwischen dem Reichsheer und den Burgundern kommt es zu einer Schlacht am nahegelegenen Reckberg, bei der mindestens 2.000 Mann den Tod finden. Dennoch geht die Sache für alle Beteiligten am Ende erstaunlich glatt über die Bühne.

    Kaiser Friedrich III. war trotz der Umstände immer noch an der Verbindung zwischen seinem Sohn und der Tochter Karls des Kühnen interessiert. Er hatte daher auch kein Interesse an einer allzu schmachvollen Niederlage Karls des Kühnen. Die Burgunder mussten einige Bedingungen akzeptieren, jedoch keine Reparationszahlungen leisten. Am 9. Juni 1475 endete die Belagerung von Neuss. Karl der Kühne musste unverrichteter Dinge abziehen.

    Die Neusser hatten sich im gesamten Reich für ihre Tapferkeit hohe Achtung erworben. Kaiser Friedrich III. belohnte die Stadt mit erheblichen Privilegien. Für Ruhm und Ehre verlieh er der Stadt das Recht, fortan den kaiserlichen Adler im Wappen zu tragen. Wirtschaftlich bedeutender waren die Vorrechte einer Hansestadt, das Recht, eigene Münzen zu prägen und diverse Zollfreiheiten. Das war allerdings auch bitter nötig, da die Stadt am Boden lag. Es sollte mehr als 40 Jahre dauern, bis die Stadt alle Kriegsanleihen getilgt hatte.

    Hermann von Hessen erwarb sich ebenfalls großen Ruhm als Verteidiger des Reiches und wurde vom Kaiser in seiner Rolle als Administrator des Kölner Stiftes und Erzbistums bestätigt. Es sollte allerdings noch bis 1480 dauern, bis er nach dem Tod Ruprechts von der Pfalz offiziell zum Kölner Erzbischof gewählt wurde.

    Und auch die Hochzeit zwischen Maria von Burgund, Tochter Karls des Kühnen und Maximilian I., Sohn Friedrichs III. fand 1477 tatsächlich statt. Sie hielt allerdings nicht lange, da Maria fünf Jahre später bei einem Reitunfall ums Leben kam.

    Der erfolgreiche Widerstand gegen die burgundische Belagerung hatte einen erstaunlichen Nebeneffekt. Die Neusser schrieben ihren Sieg zu einem großen Teil ihrem Stadtpatron, dem hl. Quirinus zu.

    Die burgundischen Soldaten waren davon ebenfalls mächtig beeindruckt. Mehr als 4.000 sollen sich vor ihrem Abzug noch den Quirinussegen im Münster geholt haben – sicher ist sicher. Die Soldaten trugen die Kunde in ihre Heimatländer Frankreich, Italien, England und die Niederlande und verbreiteten so den Ruhm des Schutzpatrons von Neuss.

    Der danach wieder verstärkt einsetzende Pilgerstrom hat der Stadt sicher auch geholfen, die enormen Kriegsschäden im Laufe der Jahrzehnte zu überwinden.

    Beitragsbild: Das Lager Karls des Kühnen bei der Belagerung von Neuss 1475; Adriaen Van den Houte, 1562

  • Ehemalige Galopprennbahn Neuss

    Ehemalige Galopprennbahn Neuss

    Die Geschichte der Galopprennbahn wird im Rahmen der Landesgartenschau Neuss 2026 vielfältig aufgenommen und bleibt auch anschließend im Grünen Herzen von Neuss in Erinnerung.

    Der Beginn des Pferderennsports in Neuss

    Am 30. August 1875 wurden die ersten offiziellen Pferderennen auf dem Hammfeld in Neuss veranstaltet. Allerdings waren das nicht die ersten Pferderennen auf dieser Wiese, da bereits fast 50 Jahre früher das Reitercorps der Neusser Schützen dort Rennen im Rahmen des Bürgerschützenfestes veranstaltete.

    Versetzen wir uns kurz in diese Zeit ohne Internetwetten und Lotto-Glücksspiel zurück. Pferdewetten hatten ein Monopol und waren bei allen Teilen der Bevölkerung sehr beliebt. Die einen präsentierten sich in eleganten Kleidern im gehobenen gesellschaftlichen Umfeld, die anderen verwetteten nicht selten Haus und Hof auf der Suche nach dem Glück.

    Viele heute selbstverständliche Alternativen existierten damals noch nicht. Den organisierten Galopprennsport gab es bereits ab 1822, während das erste Fußballspiel auf deutschem Boden erst 1874 auf einer Schulsportveranstaltung in Braunschweig ausgetragen wurde.

    Turbulente Jahre

    In den folgenden Jahrzehnten ging es mit dem Perderennsport und dem Neusser Rennverein mal auf- mal abwärts. Es gab berühmte Rennen und spektakuläre Stürze. Es wurden neben Galopprennen auch Hindernis- und Trabrennen veranstaltet. Im Jahre 1909 wurde die schon länger geplante Tribüne gebaut. Trotz des ersten Weltkriegs gab es 1915 einen „Kriegsrenntag“, im folgenden Jahr sogar vier Rennen. Man bemühte sich offensichtlich um Ablenkung und ein Stückchen Normalität in dieser Zeit.

    Eine große Katastrophe für den Rennbetrieb war das Rheinhochwasser 1920. Der Deich brach und das Gelände stand etwa 6 Meter unter Wasser. Zum Glück konnten die Pferde in Sicherheit gebracht werden. Die Schäden an der Infrastruktur waren jedoch immens.

    Ebenso katastrophal für die Rennbahn und die gesamte Stadt Neuss war der zweite Weltkrieg. Man zählte insgesamt 200 Bombentrichter auf dem Gelände. Während des Baus der Landesgartenschau 2025 wurden aufwändige Sondierungen durchgeführt. Dabei wurden insgesamt noch 19 Bomben, 20 Erdkampfmittel (Granaten, Minen, Zünder etc.) und 108 kg Munitionsteile gefunden, entschärft und entsorgt.

    Der Anfang vom Ende

    Andere benachbarte Rennbahnen in Köln, Düsseldorf und Mülheim zahlten höhere Preisgelder und wurden sportlich attraktiver. Neuss versuchte 1995 durch den Bau einer Allwetterbahn mit Flutlicht Boden gutzumachen und konzentrierte sich fortan auf die Wintermonate. Das Konzept funktionierte sehr gut und führte 1999 zu einem Rekord-Wettumsatz von fast 11 Mio. D-Mark, immerhin Rang drei hinter Baden-Baden/Iffetzheim und Köln.

    Doch der immer stärker werdende Einfluss der Internet- und Fußball-Oddset-Wetten schaffte in den Folgejahren eine Konkurrenz, der der Galoppsport insgesamt kaum gewachsen war.

    Man versuchte gegenzusteuern und wandelte 2009 den Innenraum in einen Freizeitpark um und baute eine neuen Tribüne. Die Tribüne stand allerdings von Anfang an unter Kritik, da sie für den Galoppsport wenig zweckmäßig gestaltet war und viele den Sinn dieser Investition generell bezweifelten. Auch die Idee mit dem Freizeitpark zog nicht wirklich, da das Gelände von der Stadt aus schlecht zugänglich war.

    Ein neues Leben nach dem Tod

    Die finanzielle Unterstützung der Galopprennbahn und des Rennbetriebes entwickelte sich für die Stadt Neuss zu einem Fass ohne Boden. Die Stadt kündigte daher dem Rennverein zum Jahresende 2019 den Pachtvertrag. Damit war das Ende der Rennbahn besiegelt.

    Durch eine positive Machbarkeitsstudie bestätigt, fasst der Rat der Stadt im Juni 2021 den Beschluss, sich für die Ausrichtung der Landesgartenschau 2026 zu bewerben. Zentrales Element des Konzeptes war das Gelände der ehemaligen Galopprennbahn.

    Nachdem Neuss im März 2022 trotz starker Konkurrenz den Zuschlag erhielt, ging man sofort an die Arbeit und schrieb einen europaweiten Wettbewerb für die Konzeption aus. Der Gewinner, die Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH, überzeugte die Jury vor allem durch die gelungene Integration der historischen Rennbahn und der früheren Pferdeställe und Wirtschaftsgebäude.

    Pferderennen werden seit 2019 nicht mehr ausgetragen, dennoch lebt die Geschichte der Neusser Galopprennbahn in vielen Elementen der Landesgartenschau 2026 und dem Bürgerpark Grünes Herz weiter.

    Die ehemalige Sandbahn wurde beibehalten und in ein Sandtrockenrasenband verwandelt. Sie übernimmt damit eine spannende, neue Rolle für die Biodiversität und die ökologische Vielfalt des Parks.

    Um die Sandbahn herum gibt es bunte Blumenrabatten, die an die Pferderennen erinnern.

    Einer der drei großen Spielplätze, der Rennbahnspielplatz, nimmt das Thema geschickt auf. Mitten im Sport- und Spielhain erinnern zwei Spielpferde an die Vergangenheit. Zwei große, als Trommeln gestaltete Ergometer und ein den Spielplatz umfassender Parcours fordern zum sportlichen Wettkampf heraus.

    Mit dem Hammfeldhof wird ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude mit Stallungen modernisiert und für Vereine und Initiativen neu nutzbar gemacht. Außerdem gibt es dort während der LAGA einen Biergarten.

    Von der ehemaligen Reithalle blieb nur das Gerüst stehen. Dieses wird begrünt und dient während der LAGA dem Verband der Landschaftsgärtner als Standort.

    Beitragsbild: Luftaufnahme aus Google Earth aus dem Jahr 2016. Deutlich erkennbar ist das Geläuf, die Führringe und diverse Wirtschaftsgebäude.

  • St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    Ein Mann schreitet energisch über den Freithof. Pilgerstab und Trinkkalebasse in der einen, ein Evangeliar in der anderen Hand. Der Mantel bauscht sich auf. Er scheint es eilig zu haben. Wer ist das und wieso steht er an so einem prominenten Ort in Neuss?

    Fast jeder erkennt die Jakobsmuschel. Sie befindet sich nicht nur an der Hutkrempe der Figur und auf dem Sockel, sondern in ganz Europa an unzähligen Wegzeichen. Ganz offensichtlich handelt es sich also um einen Pilger. Dieser Pilger ist aber jemand besonderes. Das Evangeliar in seiner rechten Hand gibt uns den entscheidenden letzten Hinweis. Es ist der hl. Jakobus der Ältere, einer der zwölf Apostel, Patron Spaniens und einer der bekanntesten Heiligen weltweit.

    Die Person des hl. Jakobus

    Über den hl. Jakobus umranken sich viele Legenden. Sicher ist, dass er zunächst als der erste christliche Märtyrer verehrt wurde und ab dem späten 9. Jahrhundert als Nationalheiliger des katholischen Spaniens mehr und mehr eine kriegerische Funktion als Unterstützer im Krieg gegen die Mauren erfüllte.

    So wurde St. Jakobus nicht nur der Schutzpatron Spaniens und der Pilger, sondern auch der Schutzpatron der Krieger, Kettenschmiede, sowie der Apotheker und Drogisten. Er wird daher wahlweise mal als frommer Pilger oder galoppierender Ritter in Rüstung dargestellt.

    Die Verbindung mit Neuss

    St. Jakobus ist nicht nur Patron der Pilger, sondern auch Schutzpatron der Neusser Scheibenschützen.

    Die Neusser Scheibenschützengesellschaft von 1415 e.V. sieht sich in der Tradition der St. Sebastianus Bruderschaft, der ältesten Bruderschaft in Neuss. Die St. Sebastianus Bruderschaft musste 1794 unter der Herrschaft Napoleons ihre Tätigkeit einstellen, wurde jedoch nie förmlich aufgelöst. Am 22. März 1804 lebte sie nach einer gründlichen Satzungsänderung wieder auf und wählte in Folge den Jakobustag am 25 Juli als Festtag und den hl. Jakobus als Schutzpatron.

    Neuss war im Mittelalter durch die Reliquienverehrung des hl. Quirinus ein wichtiges Pilgerziel. Viele dieser Pilger folgten den Jakobswegen, die von Norden kommend in Richtung Santiago de Compostela führten. Neuss lag an einer Kreuzung verschiedener Pilgerwege und war daher eng in dieses Wegenetz eingebunden.

    Die Neusser Scheibenschützen wollten mit der Stiftung des Denkmals sowohl ihren Schutzpatron ehren, als auch an die Bedeutung der Stadt Neuss als Pilgerzentrum im Mittelalter erinnern.

    Der Künstler und das Werk

    Erschaffen hat diese lebensgroße Plastik der 2025 verstorbene Bert Gerresheim. Gerresheim studierte zusammen mit Günther Uecker an der Düsseldorfer Kunstakademie und beschäftigte sich seit den 1980er Jahren intensiv mit christlicher Kunst. Viele seiner Skulpturen und Plastiken stehen in Kirchen und im öffentlichen Raum, die meisten davon im Rheinland.

    Als Bert Gerresheim 2005 von Dr. Hermann Josef Kallen, dem damaligen Oberschützenmeister der Scheibenschützen, kontaktiert wurde, war dieser nicht schwer zu überzeugen. Er hatte nämlich schon einige Zeit vorher ein Bronzemodell des Apostel Jakobus gestaltet, nachdem er im Jahr 2000 in die internationale Erzbruderschaft des hl. Jakobus an der Kathedrale von Santiago de Compostela aufgenommen wurde. Die Idee für das Werk war also bereits da, der Auftrag aus Spanien wurde aber zum Glück für Neuss nie realisiert.

    Gerresheim veränderte den ursprünglich eher verhaltenen Entwurf in eine dynamisch schreitende Figur. Dies sollte nicht nur eine Anspielung auf den langen Pilgerweg, sondern auch als Metapher für den Lebensweg eines jeden Menschen sein. Ein sichtbarer Schnitt, der die Figur durchzieht, symbolisiert die Verwundbarkeit und Gespaltenheit der menschlichen Existenz auf ihrem Lebensweg. Im Sockel trennt der Schnitt den durch Sterne gekennzeichneten himmlischen Pilgerweg von dem durch Pilgermuscheln versinnbildlichten irdischen Pilgerweg.

    Realisiert wurde die ca. 800 kg schwere Bronzefigur im Wachsausschmelzverfahren in der Düsseldorfer Kunstgiesserei Schmäke. Sie wurde am 25 Juli 2007, dem Patronatstag der Neusser Scheibenschützen, feierlich eingeweiht.

    Nun ja, wirklich „geheim“ ist es nicht, sonst würde es ja nicht hier stehen. Es ist aber dennoch nicht jedem bekannt.

    Bert Gerresheim hatte einen engen Mitarbeiter, Francisco Ces Hernandez, der gleichzeitig auch sein Lebensgefährte war. Wer bei der Einweihung dabei war oder heute Bilder von Francisco Ces Hernandez sieht, wird eine höchst bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gesicht des Jakobus feststellen.

    Gerresheim hatte der Figur nicht nur das Gesicht seines Lebensgefährten gegeben, Francisco Ces Hernandez war in der Werkstatt auch maßgeblich an der Erschaffung der Figur beteiligt.

    Einer der zahlreichen Legenden um den Heiligen ist die Gründungsgeschichte der heutigen Jakobusverehrung in Santiago de Compostela.

    In der Apostelgeschichte 12, 1-2 wird erzählt, dass König Herodes einige aus der Gemeinde der Anhänger Jesu in Jerusalem verhaften und misshandeln ließ. Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten.

    Zwei seiner Schüler entwendeten den Leichnam des Jakobus und legten ihn in ein ruderloses Boot. Von Engeln geleitet erreichte es nach langer Fahrt Nordspanien. Der Leichnam wurde entdeckt und in einen großen Stein gelegt. Dieser Stein verwandelte sich daraufhin in einen Sarkophag.

    Die Stelle des Jakobusgrabes geriet in Vergessenheit, bis er sich selbst im 9. Jahrhundert dem Eremiten Pelayo auf dem Compostela (span.: Sternenfeld) offenbarte. Im Jahr 813 wurde dort mit dem Bau der Kirche begonnen, in der am 25. Juli 816 die Gebeine des hl. Jakobus beigesetzt wurden.

    Der Ort Santiago (span.: heiliger Jakobus) de Compostela entwickelte sich in Folge zu einem der größten Wallfahrtszentren des Abendlandes. Bis ins 15. Jahrhundert zog der Ort mehr Pilger an als Rom oder Jerusalem.

    Auch heute fasziniert der Jakobsweg abertausende Menschen. Der religiöse Bezug gerät dabei allerdings immer weiter in den Hintergrund.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund durch KI angepasst.

  • Der Fetzer – Eine kriminelle Karriere

    Der Fetzer – Eine kriminelle Karriere

    Ein gerade 16 Jahre alter junger Mann beginnt 1794 in Neuss eine dunkle Karriere. Sie wird am 19. Februar 1803 in Köln auf dem Schafott enden. Er riss sich die Neusser Stadtkasse unter den Nagel, wurde geschnappt, im Windmühlenturm eingekerkert und konnte doch spektakulär fliehen.

    Die Geschichte des Fetzers

    Der Beginn einer kriminellen Karriere

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Deutsche Reich in über 300 Kleinstaaten zersplittert, zudem war das Rheinland von den französischen Revolutionstruppen besetzt. Die komplizierte politische Situation, die Kleinstaaterei sowie die schlechte Bezahlung der Polizei, machten es den Räubern in dieser Zeit leicht, sich nach einem Raubzug schnell über die nächste Grenze in Sicherheit zu bringen.

    Einer dieser Gauner war der gerade mal 16-jährige Mathias Weber, genannt „der Fetzer“. Der junge Mann hatte eine schwierige Kindheit hinter sich, war aber intelligent und sehr geschickt darin, unbemerkt das Gepäck von den Kutschen der reichen Kaufleute „herunterzufetzen“. Nach anderen Deutungen stammte der Beiname von seinem streitsüchtigen Charakter, seiner Grausamkeit oder seinem Kampfstil.

    Noch vor Beginn seiner kriminellen Karriere lernte er Lesen und Schreiben und den Umgang mit Gewehren. Neben seinen Schiesskünsten verfeinerte er später sein Talent, Schlösser von Türen und Truhen zu öffnen. Diese Fertigkeiten, sowie seine Gerissenheit und Tollkühnheit ließen ihn in der Gaunerhierarchie schnell zum Räuberhauptmann aufsteigen.

    Der Raub der Neusser Stadtkasse

    Die Bande des Fetzers hatte Stützpunkte in den Schänken der Neusser Nordstadt und führte von Neuss aus Raubzüge bis nach Holland im Westen und Koblenz im Süden aus. Aber die fetteste Beute, die es zu holen gab, befand sich direkt unter den Augen der Räuber im Neusser Rathaus. Es bedurfte schon eines besonders raffinierten Plans, um in die gut bewachte und gesicherte Schatzkammer einzubrechen.

    Der Fetzer hatte einen Plan und setzte diesen im September 1796 in die Tat um. Er und seine Bande erleichterten Neuss nicht nur um die Stadtkasse, sondern erbeutete auch das Stadtsilber und wertvolles Kircheninventar. Den Neussern schmerzte es emotional besonders, dass auch eine kostbare Figur des hl. Quirinus und eine silberne Weltkugel unter der Beute war.

    Verhaftung und spektakuläre Flucht

    Der Fetzer musste sich seiner Sache wohl allzu sicher gewesen sein und die Wut der Neusser Obrigkeit unterschätzt haben, jedenfalls wurde er nur einen Monat später in einem Wirtshaus von Soldaten gefasst. Ihn und seinen Kumpan Deutzer Michel sperrte man anschließend in den Windmühlenturm an der Stadtmauer ein.

    Das Verließ im Turm, der ein Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung war, galt als ausbruchssicher. Die Wärter hatten jedoch nicht mit der Kreativität des Fetzers gerechnet. Nachdem Wände, Boden und Türen keine Möglichkeit zur Flucht boten, gelang es den beiden durch die Decke in das Obergeschoss des Mühlenturms zu steigen. Von dort aus kletterten sie an einem Windmühlenflügel auf den Wehrgang herab. Unter Zuhilfenahme der Bespannung des Flügels aus Segeltuch und einem gewagten Sprung gelangten sie schließlich 7 Meter tiefer in den morastigen Mühlengraben und verschwanden in die Nacht.

    Mit diesem Coup machte sich der Fetzer erst recht einen Namen unter seinesgleichen. Nach dieser spektakulären Flucht trieb er mit seiner Bande weiter sein Unwesen, verlagerte seine Raubzüge jedoch mehr in den Süden, da ihm das Pflaster in Neuss jetzt doch zu heiß geworden war.

    Späte Aufklärung eines Mordes

    Erst bei seinen Verhören in Köln gestand der Fetzer seine Ehefrau 1798 vor den Augen seiner beiden Kinder erschlagen und anschließend heimlich begraben zu haben. Als Begründung gab er an, dass seine Frau den gemeinsamen Sohn häufig geschlagen habe. Als dies wieder einmal passierte, geriet er mit ihr in heftigen Streit und erschlug sie im Affekt.

    Sein Motiv ist sogar einigermaßen glaubhaft. Mathias Weber war zwar ein schwieriger Charakter, aber er fiel bei seinen Raubzügen nicht durch Mordlust auf. Seinen Sohn gab er nach der Tat bei einem befreundeten Hehler in Pflege. Um seine Tochter soll er sich noch auf dem Weg zum Schafott Sorgen gemacht haben.

    Der Postraub

    Einer seiner bekanntesten und erfolgreichsten Raubzüge nach dem Raub der Stadtkasse in Neuss war der Überfall auf den Köln-Elberfelder Postwagen 1799. Mit 20 Mann, rekrutiert aus verschiedenen Banden, erbeutete er dabei 13.000 Reichstaler. Je nach Berechnung betrug die Beute umgerechnet etwa 1,3 bis 2,5 Mil. Euro.

    Der Anfang vom Ende

    Den französischen Besatzern, die bisher eher halbherzig reagiert hatten, ging das mittlerweile entschieden zu weit. Sie erhöhten den Fahndungsdruck deutlich und ersuchten auch die Polizei in Hessen und Preußen um Amtshilfe. Er wurde mehrfach gefasst, konnte aber immer wieder fliehen. Schließlich wurde er in Frankfurt am Main verhaftet und nach Köln überstellt. Dort gestand er in vielen Verhören 181 gelungene und 122 misslungene Einbrüche und Überfälle. Er wurde zum Tode verurteilt und konnte sich diesmal seinem Schicksal nicht mehr durch Flucht entziehen.

    Am 19. Februar 1803 wurde der Fetzer, gerade 25 Jahre alt, auf dem Kölner Altenmarkt durch die Guillotine hingerichtet. Übrigens wurden weder die Stadtkasse noch die wertvollen Kirchengegenstände, die in Neuss geraubt wurden, jemals wiedergefunden.

    Hat er am Ende seines kurzen Lebens seine Taten bereut? Wir können es heute nicht mehr sagen, doch seine letzten Worte sind überliefert:

    „Ich habe den Tod verdient, meine Freunde, hundert Tode für einen. Ihr, die ihr auf bösem Wege seyd, spiegelt euch an meinem Ende ! Junge Leute ! flieht, flieht die Hurenhäuser. Eltern ! erzieht eure Kinder in Religion. Denkt an Gott. Möchte mein Blut das Letzte seyn, das so vergossen wird.“

    Tatsächlich war es die letzte öffentliche Hinrichtung in Köln und die letzte eines Räubers.

    Beitragsbild: Mathias Weber, Broschüre, Köln 19.02.1803, Holzschnitte; Kölnisches Stadtmuseum – Bibliothek

  • Die Geschichte von Chatharina Halffmans

    Die Geschichte von Chatharina Halffmans

    Ein Hexenprozess in Neuss mit ungewöhnlichem Ausgang.

    Am 3. Juni 1677 wurde in Neuss die 18jährige Halbwaise Catharina Halffmans wegen Verdachts der Hexerei verhaftet. Die junge Frau hatte den Fehler begangen, sich Geistlichen im Observantenkloster in Briefen anzuvertrauen. Sie bat darin um geistlichen Beistand, da sie an vielen Dingen zweifelte und sich in einem „verführlichen Zustand“ wähnte.

    Zur damaligen Zeit führten solche Hexenprozesse ziemlich sicher zum Tode, nicht ohne vorherige „peinliche Befragung“ – oder mit anderem Wort brutale Folter zur Erzwingung eines Geständnisses. Vorsichtigen Schätzungen nach verloren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 25.000 Menschen, meist Frauen, ihr Leben.

    Der Prozess

    Die Stadt wollte kurzen Prozess machen. Der Ankläger war Pater Guardini, der Leiter des Observantenklosters. Die junge Frau hatte bereits ohne Anwendung der Folter alles gestanden. Wo ist da das Problem?

    Der Vogt Anton Sibenius, als Vertreter des damaligen Kurfürsten Maximilian Heinrich, geriet jedoch schnell mit dem Stadtrat über das Verfahren in einen heftigen Streit. Es keineswegs um die arme Frau, die als Hexe beschuldigt wurde. Es ging im Wesentlichen darum, wer in Neuss die Blutgerichtsbarkeit ausüben durfte und wer die städtische Justiz kontrollieren darf.

    Der Vogt nutze den Prozess um den Stadtrat in die Schranken zu weisen. Der Stadtrat wollte seine alten Rechte wiedererlangen, die von den Landesherren immer weiter beschnitten wurden. Beide Instanzen gaben nicht nach und zogen schlussendlich sogar vor das Reichskammergericht in Speyer.

    Der Ausgang

    Aus dem Hexenprozess war ein hochpolitischer Machtkampf zwischen den Institutionen geworden. Die lachende Dritte war überraschenderweise Catharina Halffmans. Am 30. April 1679 gelang ihr mit Hilfe französischer Soldaten die Flucht aus dem Gefängnis. Der Stadtrat hatte das Thema wohl satt und unterließ jede Nachverfolgung. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt.

    In einer Zeit, in der Hexenprozesse allzu oft tödlich endeten, überlebte sie – nicht wegen eines Freispruchs, sondern weil sich die Obrigkeiten gegenseitig blockierten.

    Eines der grausamen Mittel zur Ermittlung der „Wahrheit“ war der sogenannte Hexenstuhl. Ein Stuhl dessen komplette Oberfläche mit spitzen Nägeln gespickt war. Wer darauf festgebunden wurde, konnte wohl nach kurzer Zeit vor Schmerzen kaum noch denken und „gestand“ alles, was verlangt wurde.

    Ein solcher Hexenstuhl ist übrigens heute im Kehlturm zu besichtigen. Echt ist er wohl nicht, da geschmiedete Nägel im Mittelalter eher viereckig und nicht rund waren, wie bei dem Stuhl im Kehlturm. Eine grausige Vorstellung von den Methoden gibt er dennoch.

    Übrigens: Obwohl Catharina Halffmans bereits zu Beginn des Prozesses alles gestand, was man von ihr verlangte, wurde sie nach einem Jahr Kerkerhaft trotzdem nochmals unter Folter befragt. Zur Wahrheitsfindung hat dies sicher nicht beigetragen.

    Wer mehr über das Vogthaus in Neuss und die Vögte im Mittelalter wissen will, kann hier weiterlesen.

    Bild.: Ausschnitt aus T.J.V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam 1686)

  • Vogthaus

    Vogthaus

    Das Gebäude am Münsterplatz sticht sofort ins Auge. Es ist offensichtlich viel älter als die Nachbarbauten und zudem reich geschmückt mit einem Glockenspiel. Welche Geschichte erzählt dieses Haus?

    Das Vogt- und Dinghaus zu den Heiligen Drei Königen

    Johannes Horn verdankt seinen Beinamen Goldschmidt möglicherweise seinem nicht unerheblichen Wohlstand. Er war Weinhändler und erwarb 1559 das Bürgerrecht in Neuss. Als Vogt von Neuss bekleidete er das wichtigste politische Amt der Stadt und erhielt mit der neuen Stadtverfassung von 1590, auch „Reformierte Polizeiordnung“ genannt, eine erhebliche Aufwertung.

    Macht und Einfluss verlangen nach entsprechenden äußeren Zeichen. Also ließ sich Johannes Horn 1597 an der prominentesten Stelle der Stadt ein repräsentatives Wohnhaus bauen. Der Name des Hauses sollte unmissverständlich anzeigen, wer dem Vogt seine Macht verlieh. Die Reliquien der Heiligen Drei Könige waren seit 1164 nicht nur Markenzeichen von Köln, sondern auch theologisches Fundament der herausgehobenen Stellung des Kölner Erzbischofs. Damit sollte vermittelt werden, dass die Macht des Vogtes nicht nur weltlich und damit vergänglich war, sondern Gottes Gnade entstammte und damit unverrückbar feststand. Dieser Argumentation begegnen wir selbst in der heutigen Zeit immer noch an vielen Orten der Welt.

    Das Haus diente über zweihundert Jahre den nachfolgenden Vögten als Wohnsitz, bis es 1810 verkauft wurde. Im Laufe der Jahrzehnte verfiel es zusehends bis sich die Bank für Handwerk und Gewerbe, die spätere Volksbank, erbarmte und das Gebäude kaufte und restaurieren ließ.

    Wie fast alle Gebäude in Neuss wurde auch das Vogthaus im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Nach dem Krieg wurde die Fassade nach alten Bildern wieder aufgebaut, der Rest des Hauses entspricht jedoch modernen Anforderungen.

    Heute sind in dem Haus ein großes Restaurant im Brauhausstil mit rheinischer Küche und eine Arztpraxis ansässig. In einem Raum im obersten Stockwerk befindet sich das Schützenglockenspiel. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

    Etliche Landesherren waren schon im Frühmittelalter zum einen als Fürsten weltliche Herrscher mit allen Rechten und Pflichten. Zum anderen bekleideten sie ein Bischofsamt und sollten als Geistliche zumindest nicht direkt die weltliche Gewalt ausüben. Also setzte man staatliche Beamte ein, die als Stellvertreter von kirchlichen Würdenträgern diese in weltlichen Angelegenheiten vertraten.

    Seit Ende des 9. Jahrhunderts, spätestens aber um die Mitte des 10. Jahrhunderts gehörte Neuss dem Erzbischof und Kurfürst von Köln. Die Neusser und den Kölner Erzbischof verband eine gut 800 Jahre währende Hassliebe. Mal unterstützten die Neusser ihren Landesherren, mal kämpften sie gegen ihn. Aber immer kämpften sie für ihre Selbstbestimmung.

    Im Jahre 1259, das Neusser Quirinusmünster war in seiner Pracht kurz vorher fertiggestellt, gewährte Konrad von Hochstaden der Stadt das Recht auf Selbstverwaltung, eigener Gerichtsbarkeit und Errichtung einer Stadtbefestigung in der ersten schriftlich niedergelegten Stadtverfassung.

    Konrad von Hochstaden war ein schillernder Mann. Als zweiter Sohn ohne Aussicht auf das Erbe geboren, erkämpfte er sich machtbewusst, intrigenreich und vor nichts zurückschreckend eine der einflussreichsten Positionen im gesamten Deutschen Reich. Er sicherte sich diese Position aber auch weitblickend durch Städtegründungen und -erhebungen sowie die Einführung moderner Territorialverwaltungen.

    Die Vögte waren die Augen, Ohren, rechte und linke Hand des Landesherrn. Sie hatten weitreichende Machtbefugnisse, die im Laufe der Jahrhunderte mal mehr mal weniger ausgeprägt waren. Insbesondere in den reicheren Handelsstädten kam es immer wieder zu Machtkämpfen zwischen dem Vogt und dem Stadtrat mit seinem Bürgermeister.

    Im Falle von Neuss war es aber nicht deren Reichtum, da die Stadt nach dem Stadtbrand von 1586 größtenteils zerstört war. Hier ging es dem katholischen Kurfürsten darum, die Stadt mehr unter seine Kontrolle zu bringen, nachdem sie sich im Truchsessischen Krieg auf die falsche, nämlich die protestantische Seite gestellt hatte.

    So wurden in der Neusser Stadtverfassung von 1590 die Rechte und Pflichten des Vogtes erheblich ausgeweitet, sehr zum Verdruss des Stadtrates. Das ging so weit, dass zwar die Stadt ihre beiden Bürgermeister noch selbst wählen konnte, diese jedoch nur mit Zustimmung des Vogtes ihr Amt aufnehmen durften.

    Wer wissen will, welche Auswirkung es haben kann, wenn sich der Vogt und der Stadtrat streiten, kann hier eine Geschichte dazu lesen.

  • St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    Nur 8 Jahre bevor Benjamin Franklin erstmals über seine Entdeckung der elektrischen Natur der Blitze schrieb, wurde das Quirinusmünster durch einen Blitzschlag massiv getroffen. Es war nicht der erste Blitzschlag, aber dieser im Jahre 1741 veränderte das Bild der Kirche mehr als alle anderen. Es waren aber nicht nur Naturgewalten, auch der Mensch hat der Kirche in den Jahrhunderten arg zugesetzt.

    Blitzschläge, Stürme und Brände

    Der erste vermeldete Blitzschlag mit schweren Schäden schlug im Juli 1496 ein. Damals wurde der Westturm getroffen und der Dachstuhl geriet in Brand. Schon 1513 erwischte es die Kirche erneut. Diesmal riss ein Orkan gleich das gesamte Dach des Vierungsturms ab und schleuderte es kurz vor Mitternacht auf die benachbarten Stiftsgebäude. Unglücklicherweise wurde der Gebäudeteil mit den Schlafräumen getroffen. Vier Stiftsdamen, eine Kammermagd und ein Küchenjunge erlebten den Morgen nicht mehr.

    Die nächste Katastrophe wurde von Menschen verursacht. Als Neuss 1585 in den Strudel der Truchsessischen Wirren geriet, wurde die Stadt und die Kirche geplündert. Der Hochaltar, der wertvolle Quirinusschrein, Statuen, Gemälde und liturgisches Gerät wurden zerstört oder geraubt. Das war schon schlimm genug aber es kam noch schlimmer.

    1586 wurde Neuss durch die Flandrische Armee unter Herzog Alessandro Farnese zurückerobert. Dabei kam es zu brutalen Massenmorden, Plünderungen und Brandschatzungen durch die italienischen und spanischen Söldner. Ob absichtlich oder nur durch unglückliche Umstände entstand aus einem Feuer in der Nähe des Rheintors der größte Stadtbrand der Neusser Geschichte. Nachdem alle Brände gelöscht waren, lag fast die gesamte Stadt in Trümmern und auch das Quirinusmünster war schwer beschädigt.

    Nach weiteren Blitzschlägen 1667, 1697 und 1720 erwischte es die Kirche am 6. Februar 1741 erneut. Der Brand dauerte 24 Stunden und hinterließ Turm und Kirchenschiff stark zerstört. Es war dieses Ereignis und die klammen Kassen der Stadt und des Erzbistums, die diesmal eine Änderung bewirkten, die bis heute zu sehen ist.

    Auf dem nachfolgenden Ausschnitt ist die Kirche zu sehen, wie sie bis 1741 aussah. Es ist kein Wunder, dass die zwei hohen Türme, die höchsten Türme in Neuss und in der gesamten Umgebung, Blitze wie ein Magnet anzogen.

    Nach der Katastrophe wurde die Kirche zwar wieder aufgebaut, jedoch erhielt der Westturm anstelle der steil aufragenden Spitze nun einen niedrigen pyramidenförmigen Dachabschluss. Der Ostturm wurde gar nicht mehr mit einer Spitze versehen, sondern bekam ein barockes kuppelförmiges Dach. Auf die Kuppel setzte man dann die Statue des hl. Quirinus. Für letztere gab man damals übrigens 740 Reichstaler aus. Diese gravierende Änderung wurde ungeachtet späterer Zerstörungen und Wiederaufbauten bis heute beibehalten.

    Getreidelager und Pferdestall

    Die Zeit der französischen Besatzung der Rheinlande ging auch am Quirinusmünster nicht spurlos vorbei. Als 1794 die französische Revolutionsarmee in Neuss einrückte, brach eine neue Zeitrechnung an. Die Stiftsgebäude wurden als Soltatenquartiere genutzt. Die Kirche diente als Getreide- oder Fruchtlager und zeitweise sogar als Pferdestall. Dass dennoch weiterhin Gottesdienste in der Krypta abgehalten wurden, darf dabei fast als kleines Wunder gelten.

    1851 endete die Zeit der Franzosen im Rheinland und die Preußen übernahmen das Ruder. 1833 besuchte der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm von Preußen Neuss. Die Neusser legten sich mächtig ins Zeug und auch das Quirinusmünster wusste mit seiner eigentümlichen Architektur den Kronprinzen zu überzeugen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche Zug um Zug restauriert und reich ausgeschmückt.

    Und wieder von vorn: Zerstörung und Wideraufbau

    Noch kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 stand der Dachstuhl des Westturms erneut in Brand. Unter anderem wurde das komplette Geläut dabei vernichtet. Insgesamt hielten sich die Schäden im ersten Weltkrieg aber in Grenzen.

    Der zweite Weltkrieg war weniger gnädig. Auch wenn die Kirche in den ersten Kriegsjahren trotz insgesamt 136 Luftangriffen wenig Schäden erlitt, änderte sich das am 5. Januar 1944 um zwölf Uhr Mittags. Amerikanische Bomber entluden ihre Bombenlast über dem Hafen und der Stadt. Eine Sprengbombe riss das Münster auf wie eine Konservendose. Die komplette Ostapsis stürzte ein und öffnete das Kirchenschiff wie eine überdimensionierte Garage. Wie durch ein Wunder blieb die Kuppel mit dem Standbild des hl. Quirinus unversehrt. Offensichtlich waren die 740 Reichstaler zweihundert Jahre zuvor gut angelegt.

    Doch auch diese Katastrophe überstand des Münster und wurde in den Jahren nach dem Krieg relativ schnell wieder aufgebaut. Zunächst improvisierte man jedoch und zog eine hölzerne Absperrwand im Kirchenschiff und eine Sicherheitsdecke unter dem Gewölbe ein. Bereits im Dezember 1945 konnten die Neusser so ihren Weihnachtsgottesdienst wieder in ihrer geliebten Münsterkirche feiern – auch wenn es zweifellos eher wie ein Ruine aussah als eine prächtige Kirche.

    Die Basilica minor

    In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche mehrfach restauriert und steht heute als unverkennbares Wahrzeichen der Stadt Neuss stolz über der Stadt. Als – vorerst – krönender Abschluss wurde die ehrwürdige Kirche am 6. Oktober 2009 von Papst Benedikt XVI. zur Basilica minor erhoben. Der Ehrentitel unterstreicht die Bedeutung dieser Kirche für Neuss und das Umland.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund KI-generiert
    Bild im Text: Ausschnitt aus Stadtansicht von Neuss aus Braun und Hogenberg 1590

  • Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    In dieser Geschichte geht es um einen Heiligen, einen Papst, eine Äbtissin und eine größere Kirche. Es geht um den Glauben an göttlichen Beistand und die Fürsprache der Heiligen. Es geht aber auch um Ruhm, Ehre, Macht und klassische Vermarktung.

    Die Geschichte

    Um 950 wurde in Neuss durch die Stiftung einer reichen adligen Familie ein Benediktinerinnenkloster errichtet. Etwa hundert Jahre später stand diesem Kloster die Äbtissin Gepa vor.

    Gepa von Neuss war die Schwester von Papst Leo IX. Durch diese familiäre Verbindung und vom gemeinsamen Wunsch nach Stärkung des christlichen Glaubens getrieben, schenkte Papst Leo IX. seiner Schwester die Reliquien des hl. Quirinus, einer der bedeutendsten frühchristlichen Märtyrer.

    Genau am 30. April 1050 traf Gepa mit den Gebeinen des hl. Quirinus im Gepäck per Schiff aus Rom in Neuss ein. Selbstverständlich wurde das nicht nur in Neuss gebührend gefeiert, sondern auch im gesamten Rheinland proklamiert. Auch heute noch ist der 30. April der Tag des Patroziniums.

    Die Protagonisten

    Der Heilige

    Über den hl. Quirinus und seine Geschichte gibt es einen eigenen Beitrag. Den könnt ihn hier lesen.

    Die Äbtissin

    Gepa von Neuss stand einem angesehen Kloster vor. Sie war zweifellos nicht nur wohlhabend, sondern über familiäre Verbindungen auch gut vernetzt. Ihr Bruder war erst Bischof von Toul, später dann sogar Papst. Über Ecken war sie sogar mit dem Kaiser verwandt. Es ist also glaubhaft, dass ihr die Bitte nach einer wichtigen christlichen Reliquie zur Stärkung des Glaubens in Neuss erfüllt wurde.

    Der Papst

    Papst Leo IX. war der erste und bedeutendste der fünf „deutschen“ Päpste. er stammte aus einer oberelsässischen Grafenfamilie, die mit dem deutschen Kaiser Heinrich III. verwandt war. Bereits mit 24 Jahren wurde er Bischof von Toul. 1048 wurde er auf dem Reichstag zu Worms zum Papst ernannt. Da er sich jedoch als „Bischof von Rom“ noch die Legitimation des römischen Klerus und Volkes wünschte, nahm er erst im folgenden Jahr die Papstwürde an.

    Leo IX. war ein Reformer und bereiste häufig die Reichsteile nördlich der Alpen. Er festigte die Position des Papstes und seine Macht unter anderem dadurch, dass er den Menschen als Mann des Volkes gegenübertrat.

    Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass er der Bitte seiner Schwester nachgekommen ist, den Glauben der Menschen in der Stadt Neuss mit den Reliquien des hl. Quirinus zu festigen.

    Die Klosterkirche

    Im Jahre 1179 wurde das Benediktinerinnenkloster in ein Damenstift umgewandelt. Der Unterschied bestand im Wesentlichen darin, dass die Nonnen im Kloster deutlich striktere Regeln befolgen mussten, als die Stiftsdamen. Die Stiftsdamen verfügten darüber hinaus über eigenes Vermögen, eigene Wohnungen und konnten auch aus der Gemeinschaft wieder austreten. Beide Einrichtungen dienten jedoch dem gleichen Zweck, nämlich der Versorgung der unverheirateten weiblichen Familienmitglieder.

    Das Damenstift war in Neuss die wohlhabendste Klostergemeinschaft und verfügte auch über die größte Kirche. Doch mit der immer weiter zunehmenden Verehrung des hl. Quirinus wurde diese Kirche zu klein. So wurde 1209 mit dem Bau einer erheblich größeren Kirche, der Quirinus-Basilika begonnen.

    Ohne die Reliquien, den damit verbundenen Ruhm und den in Folge entstandenen Pilgerstrom, wäre ein Neubau sicher nicht notwendig gewesen.

    So schön die Geschichte klingt, so falsch ist sie leider auch. Eine Verehrung des hl. Quirinus fand jedenfalls schon deutlich früher, mindestens seit 1021 in Neuss statt. Und ob Gepa und Leo wirklich Geschwister waren, ist zumindest zweifelhaft. Viel spannender ist, dass die Geschichte in dieser Form überhaupt erst im 15. und 16. Jahrhundert erzählt wurde.

    Eines ist sicher, die Reliquien zogen im Mittelalter wie ein Magnet Millionen von Pilgern an. Es wurde fleißig mit Reliquien gehandelt und gerne auch mal betrogen. Reliquien fokussierten den Glauben. Für die damaligen Menschen, die in der Mehrheit weder lesen noch schreiben konnten, wurde ihre Religion in den bebilderten Heiligengeschichten und Reliquien begreifbar.

    Wenn diese Geschichten auserzählt waren, wurden oft neue Legenden erfunden. Im Volk gab es niemand, der den Wahrheitsgehalt hätte prüfen können. Es war im Grunde auch egal, Hauptsache die Geschichten waren schön. Es ging zwar alles viel langsamer als heute, aber die Mechanismen zur Aufmerksamkeitserregung konnte man auch damals bereits beobachten.

    Nur wenig später als in Neuss, im Jahr 1164, „schenkte“ Kaiser Barbarossa seinem Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der heiligen drei Könige. Dass diese eigentlich zwei Jahre vorher aus Mailand geraubt wurden, wo sie seit dem 4. Jahrhundert aufbewahrt wurden, ist offensichtlich irrelevant.

    Auch hier wurde die Überführung der Gebeine von Italien nach Köln ausführlich zelebriert. Heute würde man wohl sagen, marketingtechnisch nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. Und auch hier entstand anschließend ein bemerkenswerter Aufschwung durch die Pilgerströme, der ebenso wie in Neuss zum Bau einer neuen größeren Kirche, des Kölner Doms, führte.

  • Kehlturm

    Kehlturm

    Es ist ein ziemlich unscheinbarer kreisrunder Bau, der nur knapp über das heutige Straßenniveau hinausragt. Das Mauerwerk sieht allerdings alt aus. Was verbirgt sich hinter diesem etwas kurz geratenen Turm?

    Neuss am Rhein?

    Um zu verstehen, welche Bedeutung dieser Turm im Mittelalter hatte, müssen wir uns den Stadtplan von Braun und Hogenberg aus dem Jahr 1590 genauer ansehen.

    Stadtplan von Neuss nach Braun und Hogenberg von 1590 mit markiertem Verlauf der rheinseitigen Stadtmauer

    In dem Plan ist der rheinseitige Verlauf der Stadtmauer gelb und der Kehlturm grün markiert. Wer den Stadtplan kennt oder genau hinschaut, bemerkt, dass Neuss gar nicht (mehr) am Rhein liegt. Entlang der Stadtmauer fließt die Erft und genau gegenüber dem Kehlturm liest man „Fluß aus dem Rhein“. Aber Neuss lag doch am Rhein, oder nicht?

    Des Rätsels Lösung ist die Verlagerung des Rheins im 12. Jahrhundert. Nach mehreren starken Hochwasserphasen hat sich der Rhein im Laufe von etwa 100 Jahren immer weiter nach Osten verlagert. Zurück blieb ein Seitenarm, die „Kehl“ oder „Kalle“. Diese floss aus dem Rhein kommend, in westlicher Richtung geradewegs auf Neuss zu, um dann nördlich der Stadt wieder in den Rhein zu münden.

    Für Neuss war die Rheinverlagerung äußerst geschäftskritisch. Der Warenhandel auf dem Rhein war eine Lebensader der Stadt. Ohne einen Hafen mit direktem Rheinzugang wäre zumindest der Fernhandel zusammengebrochen. Die Neusser griffen zu einem aufwändigen Trick und leiteten die südlich der Stadt in den Rhein mündende Obererft so um, dass sie entlang der Stadtmauer floss und den Hafen wieder schiffbar machte.

    Die flusseitige Stadtbefestigung

    Wie man auf dem Plan sofort sieht, hat der Kehlturm eine strategisch perfekte Lage. Auf dem Turm waren Kanonen stationiert, mit denen die Neusser sowohl den unterhalb der Stadtmauer gelegenen Schiffsanleger gut verteidigen, als auch Angreifer auf der Kehl abwehren konnten.

    Tatsächlich lag das Bodenniveau zu damaliger Zeit etwa 6 Meter tiefer. Der Turm hatte also eine imposante Höhe, die man heute gar nicht mehr wahrnimmt. Auch die Mauern sind mit ca. 2 Meter Dicke sehr stabil gebaut. Nach dem zweiten Weltkrieg und bei den Bauarbeiten für das Romaneum 2017 wurde nur der obere Teil des Turms restauriert. Wobei man sich offensichtlich die „künstlerische Freiheit“ herausnahm, gleich eine Türöffnung mit einzubauen. Der originale Festungsturm hatte ganz sicher keine einladende Tür nach außen.

  • Zeughaus

    Zeughaus

    „Zeughaus“ ist schon ein merkwürdiger Name. Sieht das nicht wie eine Kirche aus? Allerdings fehlen die typischen religiösen Symbole wie z.B. Heiligenstatuen. Welche Geschichte hat dieses merkwürdige Gebäude?

    Klosterkirche

    Seit etwa 1620 war neben den Jesuiten der Orden der Franziskaner-Observanten in Neuss aktiv. Dieser Orden, der die Gebote des hl. Franziskus besonders streng befolgte, half den Jesuiten bei religiösen Aufgaben und hielt seine Gottesdienste in einem Seitenaltar des Quirinus-Münsters ab. Da der Orden einerseits im Münster nur geduldet wurde und andererseits Zulauf aus anderen Teilen Deutschlands erhielt, wollten die Oberen ein eigenes Kloster.

    Im Mai des Jahres 1632 erhielt der Orden vom Erzbischof in Köln die Erlaubnis, in Neuss ein eigenes Kloster einzurichten. Man sollte meinen, dass die Brüder danach sofort mit dem Bau begonnen hätten. Dem war aber nicht so, da der Stadtrat von Neuss dies ganz und gar nicht gut fand und das Projekt torpedierte, wo es nur ging.

    Der Stadtrat führte offiziell mehrere Argumente ins Feld:

    • Der von Almosen lebende Bettelorden könne sich auf Dauer gar nicht in der Stadt halten.
    • Es gäbe außer dem Quirinus-Stift mit fünf „Mannsklöstern“ und drei „Jungfrauenklöstern“ bereits mehr als genug geistliche Gemeinschaften in Neuss.
    • Der Bau eines weiteres Klosters im östlichen Teil der Stadt würde die Verteidigung erschweren, zumal bereits die Hälfte des Stadtgebietes aus „geistlichen Plätzen“ bestünde.
    • Ein Klosterbau würde in der engen Stadt den verfügbaren Platz für Bürgerhäuser, Werkstätten und Läden weiter einschränken.

    Sehr wahrscheinlich waren es überwiegend die wirtschaftlichen Gründe, die den Stadtrat damals bewegten. Die Klostergemeinschaften waren von der Steuer befreit. Händler und Handwerker hätten die Stadtkasse besser gefüllt.

    Nach weiteren jahrelangen Streitigkeiten, in deren Verlauf der Stadtrat sogar einmal die frisch gebauten Fundamente wieder einreißen ließ, wurde die Kirche 1639 fertiggestellt und 1640 geweiht. Die Brüder hatten ihren Traum von einer eigenen Kirche mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit endlich realisiert. Das Klostergebäude wurde übrigens erst 1655 fertig.

    Kanonen

    Im Zuge der Säkularisation mussten die Observanten das Kloster samt Kirche 1802 aufgeben. Die Stadt Neuss musste als neue Eigentümerin das Gebäude irgendwie sinnvoll nutzen, was anscheinend nicht so einfach war.

    Von 1826 an wurde das Gebäude dann 38 Jahre an die preußische Militärbehörde vermietet. Diese machte daraus ein Lager für Waffen und anderes militärisches Gerät. Im Soldatenjargon war das ein „Zeughaus„. Dieser Name setzte sich in den Köpfen der Neusser fest und blieb fortan bestehen.

    Kultur

    Wer heute auf dem Freithof in der Mitte der Altstadt steht, erkennt schnell, dass ein Lagergebäude hier völlig fehl am Platz wäre. Dennoch wurde es jahrzehntelang noch so genutzt und an Neusser Firmen vermietet. 1923 erkannten die Stadtoberen endlich das Potenzial und machten 1923/24 aus dem Gebäude einen Theater- und Festsaal.

    Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude, wie die Mehrheit der Gebäude in Neuss, stark zerstört und 1949 wieder aufgebaut. Nach mehreren Aus- und Umbauten im Laufe der Jahre erstrahlt das Zeughaus heute als moderne Veranstaltungsstätte für Konzerte, Feste, Tagungen und Versammlungen.

    Eine sympathische junge Kollegin meinte zu diesem Gebäude: Man muss sich eigentlich nur die Begriffe „Kloster“, „Kanonen“ und „Kultur“ merken, um die Geschichte des Gebäudes zu beschreiben. Das finden wir auch.

    Übrigens stand in der großen Nische über dem Eingangsportal entgegen anderslautender Gerüchte nie ein Schützenkönig, sondern eine Statue des hl. Franziskus.

    Die Gedenktafel links unten an der Westfassade ist dafür aber der erste dauerhaft sichtbare Hinweis auf die Bedeutung des Neusser Schützenwesens. Der Schützenkönig des Jahres 1972, Dr. Heinz Günther Hüsch, bemängelte, dass in der Stadt außerhalb der Zeit des Schützenfestes, nichts an dieses bedeutende Brauchtum erinnert. Es gab kein Denkmal, keinen Straßennamen, nichts. Also hat er die Gedenktafel als Königsgeschenk der Stadt und der Bürgerschaft hinterlassen.

    Seinem Beispiel sind in den späteren Jahren viele Schützenkönige gefolgt, so dass man zwischenzeitlich überall in der Innenstadt auf Zeugnisse des Schützenwesens trifft.

  • St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    Die ikonische Kirche, im Oktober 2009 von Pabst Benedikt XVI. zur Basilika minor erhoben, ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt Neuss. Sie beherbergt die Reliquien des Stadtpatrons St. Quirinus und hat eine spannende Geschichte. Schauen wir mal rein.

    Der Standort

    Wie an anderer Stelle erwähnt, hat die Stadt Neuss römische Wurzeln. An der höchsten Stelle einer Erhebung nördlich des Legionslagers bildete sich eine Siedlung. Außerhalb dieser Siedlung, an der Stelle des heutigen Münsters, befand sich in der Spätantike ein Gräberfeld und eine römische Totenkapelle. Die Kirche steht also an einer Stelle, die seit fast 2000 Jahren religiös genutzt wurde.

    Die Vorläuferbauten

    Die kleine Totenkapelle, von den Römern „cella memoria“ genannt, wurde im 9. Jahrhundert durch eine dreischiffige Basilika ersetzt, als in Neuss ein Benediktinerinnenkloster errichtet wurde. Bereits etwas über 100 Jahre später wurde diese Kirche mit einer Krypta erweitert. Im frühen 12. Jahrhundert erfolgte dann erneut eine Erweiterung mit dem Ausbau der Krypta.

    Die Rahmenbedingungen

    Dem Thema „Pilgerfahrten“ wird noch der ein oder andere Beitrag gewidmet, denn da gibt es einiges zu erzählen. An dieser Stelle reicht es zunächst, zu verstehen, dass das Pilgern im frühen Mittelalter nicht nur weit verbreitet, sondern geradezu eine Massenerscheinung mit erstaunlich vielen Beteiligten war.

    Spätestens seit der Übertragung der Gebeine des hl. Quirinus 1050 von Rom nach Neuss durch die Äbtissin Gepa, war Neuss in die erste Reihe der Pilgerstätten am gesamten Niederrhein aufgestiegen.

    In Neuss kreuzten sich verschiedenen Pilgerwege in Nord-Süd und Ost-West-Richtung. Der stetig wachsende Pilgerstrom musste kanalisiert werden. Es mussten ausreichend Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten und vorgehalten werden. Für uns heute schwer vorstellbar, waren die Wallfahrtskirchen im Mittelalter nicht nur Orte der Andacht, sondern wurde auch als Unterkünfte für die Pilger genutzt. Pilger reisten oft in Gruppen und wollten in den besuchten Kirchen auch gemeinsam zu ihren jeweiligen Schutzpatronen beten.

    Man benötigte in Neuss zu Beginn des 13. Jahrhunderts also eine wirklich große Kirche. Sie sollte ein großes Kirchenschiff für die Gottesdienste haben, sollte in den Seitenkapellen Platz für viele Altäre bieten und sollte nicht zuletzt auf den Emporen Platz für übernachtende Pilger vorhalten. Und natürlich sollte die neu erbaute Kirche auch ein Statement zu Reichtum und Macht der Stadt Neuss sein.

    Tatsächlich gab es schon vor der legendenumwobenen „Translatio“ der Reliquien 1050 eine Verehrung des hl. Quirinus in Neuss. So wird z.B. in Quellen beschrieben, dass der Kölner Erzbischof Heribert 1021, kurz vor seinem Tod, die Stadt Neuss besuchte um zum hl. Quirinus zu beten.

    Die Geschichte von Äbtissin Gepa und ihrem Bruder Pabst Leo IX. wurde erst im 15. oder 16. Jahrhundert ersonnen. Aber die Geschichte ist so schön, dass wir sie weiter erzählen.

    Finanzierung und Bau der Basilika

    Dank des gut beschrifteten Grundsteins kennen wir das Datum der Grundsteinlegung genau. Es war der 9. Oktober 1209 an dem Meister Wolbero mit dem Bau der Kirche begann.

    Das Geld für den Bau kam einerseits vom Damenstift, das im 12. Jahrhundert aus dem vormaligen Benediktinerinnenkloster entstammte. Hier lebten damals bis zu 25 wohlhabende adlige Damen weitreichender Verwandtschaft und stattlichen Einkünften.

    Andererseits stammte wohl ein hoher Beitrag aus der Schatulle des ehemaligen Kölner Erzbischofs Adolf, der auch auf dem Grundstein erwähnt wird. Adolf machte 1204 den schweren politischen Fehler, den falschen Kandidaten für die deutsche Kaiserkrone zu unterstützen. Das führte postwendend 1205 zu seiner Exkommunikation und dem Verlust aller geistlichen Ämter. Adolf zog sich nach Neuss zurück, war aber aufgrund einer stattlichen Jahresrente weiterhin durchaus vermögend. Adolf starb 1220 in Neuss und hat den Bau der Kirche sicherlich genau verfolgt.

    Und schließlich gab es Geldmittel aus Spenden, Stiftungen und Erbschaften von Adligen und reichen Bürgern die vor allem mit dem Ziel gegeben wurden, sich angesichts des Todes wohlwollenden himmlischen Beistand zu sichern.

    Aufgrund der gut gefüllten Kasse und vielleicht auch einer guten Organisation an der Baustelle, konnte das Münster in einer Rekordzeit fertiggestellt werden. Wir kennen zwar leider das Einweihungsdatum nicht, es wird aber angenommen, dass die Kirche schon 1235 weitgehend errichtet war.

    Zum (nicht ganz ernst gemeinten) Vergleich: Der Bau des Kölner Doms begann 1248, nachdem die benachbarten Neusser mit einem beeindruckenden Bauwerk mächtig in Vorlage gegangen waren. Vollendet wurde der Kölner Dom erst 1880.