Kehlturm

Kehlturm mit Romaneum im Hintergrund

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Es ist ein ziemlich unscheinbarer kreisrunder Bau, der nur knapp über das heutige Straßenniveau hinausragt. Das Mauerwerk sieht allerdings alt aus. Was verbirgt sich hinter diesem etwas kurz geratenen Turm?

Neuss am Rhein?

Um zu verstehen, welche Bedeutung dieser Turm im Mittelalter hatte, müssen wir uns den Stadtplan von Braun und Hogenberg aus dem Jahr 1590 genauer ansehen.

Stadtplan von Neuss nach Braun und Hogenberg von 1590 mit markiertem Verlauf der rheinseitigen Stadtmauer

In dem Plan ist der rheinseitige Verlauf der Stadtmauer gelb und der Kehlturm grün markiert. Wer den Stadtplan kennt oder genau hinschaut, bemerkt, dass Neuss gar nicht (mehr) am Rhein liegt. Entlang der Stadtmauer fließt die Erft und genau gegenüber dem Kehlturm liest man „Fluß aus dem Rhein“. Aber Neuss lag doch am Rhein, oder nicht?

Des Rätsels Lösung ist die Verlagerung des Rheins im 12. Jahrhundert. Nach mehreren starken Hochwasserphasen hat sich der Rhein im Laufe von etwa 100 Jahren immer weiter nach Osten verlagert. Zurück blieb ein Seitenarm, die „Kehl“ oder „Kalle“. Diese floss aus dem Rhein kommend, in westlicher Richtung geradewegs auf Neuss zu, um dann nördlich der Stadt wieder in den Rhein zu münden.

Für Neuss war die Rheinverlagerung äußerst geschäftskritisch. Der Warenhandel auf dem Rhein war eine Lebensader der Stadt. Ohne einen Hafen mit direktem Rheinzugang wäre zumindest der Fernhandel zusammengebrochen. Die Neusser griffen zu einem aufwändigen Trick und leiteten die südlich der Stadt in den Rhein mündende Obererft so um, dass sie entlang der Stadtmauer floss und den Hafen wieder schiffbar machte.

Die flusseitige Stadtbefestigung

Wie man auf dem Plan sofort sieht, hat der Kehlturm eine strategisch perfekte Lage. Auf dem Turm waren Kanonen stationiert, mit denen die Neusser sowohl den unterhalb der Stadtmauer gelegenen Schiffsanleger gut verteidigen, als auch Angreifer auf der Kehl abwehren konnten.

Tatsächlich lag das Bodenniveau zu damaliger Zeit etwa 6 Meter tiefer. Der Turm hatte also eine imposante Höhe, die man heute gar nicht mehr wahrnimmt. Auch die Mauern sind mit ca. 2 Meter Dicke sehr stabil gebaut. Nach dem zweiten Weltkrieg und bei den Bauarbeiten für das Romaneum 2017 wurde nur der obere Teil des Turms restauriert. Wobei man sich offensichtlich die „künstlerische Freiheit“ herausnahm, gleich eine Türöffnung mit einzubauen. Der originale Festungsturm hatte ganz sicher keine einladende Tür nach außen.

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