Es ist eigentlich nur ein Streit um das Erzbistum Köln. Dennoch hat der Konflikt eine europäische Dimension. Und die kleine Stadt Neuss spielt wieder mal in der großen Geschichte eine entscheidende Rolle.
Die Vorgeschichte
Im März 1463 wählt das Domkapitel zu Köln Ruprecht von der Pfalz zum Erzbischof. Nachdem sein Vorgänger dem Erzbistum Köln einen Berg von Schulden hinterlassen hatte, wollte man diesmal auf Nummer sicher gehen. Mit Ruprecht glaubten sie einen würdigen Bischof und leichter zu kontrollierenden Fürsten gefunden zu haben. Anfangs geht das auch gut. Wie so oft im Leben gibt es aber einige Jahre später Streit um die Macht und wieder ums Geld, genauer um die Erhebung von Steuern.
Der Streit eskaliert und das Domkapitel wählt den Bischof wieder ab und setzt den Domherren Hermann von Hessen als Administrator ein. Ruprecht lässt sich das natürlich nicht gefallen und bittet Karl den Kühnen, Herzog von Burgund um militärischen Beistand.
Karl der Kühne verfolgt eigene Ziele. Sein burgundisches Reich ist riesig und erstreckt sich von der Mitte Frankreichs bis in die Niederlande. Allerdings ist es ein Flickenteppich. Karl würde gerne die Lücken schließen und strebt zudem insgeheim nach der Kaiserkrone. Er kommt Ruprecht also sehr gerne zu Hilfe.
Die Lage spitzt sich zu
Karl der Kühne verfügt zu dieser Zeit über die modernste und bestausgerüstete Streitmacht. Er macht sich also mit einem ca. 14.000 Mann umfassenden Heer von Maastricht aus auf den Weg und will Köln in die Knie zwingen. Bevor er jedoch Köln angreift, will er aus strategischen Gründen erst mal die potenziellen Gefahren in seinem Rücken beseitigen. Da ist diese kleine Stadt Neuss nördlich von Köln mit gerade mal 4.000 Einwohnern. Die sollte eigentlich mit solch einer Übermacht binnen Tagen zu nehmen sein.
Der zum Administrator ernannte Hermann von Hessen erkennt die Gefahr und eilt mit 70 Rittern, 300 Reitern und 1.500 Fußsoldaten nach Neuss. Er kommt gerade noch rechtzeitig an und beginnt die Verteidigung der Stadt zu organisieren.
Neuss ist zu dieser Zeit recht gut befestigt. Die Stadtmauer ist solide gebaut und mit fünf großen Toren und etlichen Türmen ausgestattet. Zudem ist fast die gesamte Stadt ringsum mit Wassergräben, kleinen Flüssen und einem Nebenarm des Rheins geschützt.
Am 29. Juli 1474 erreichen die burgundischen Truppen Neuss und die Belagerung beginnt.
Die Belagerung
Die burgundische Belagerung ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Auf der Seite der Belagerer verfasst der Hofschreiber Jean Molinet Lobeshymnen auf seinen Herzog. Auf der Seite der Belagerten wird der in Neuss tätige Notar und Stadtschreiber Christian Wierstraet etwa ein Jahr später eine umfassende gereimte Chronik über den Hergang veröffentlichen.
Überraschenderweise widersteht Neuss den ersten Angriffswellen und führt auch selbst erfolgreiche Ausfälle gegen die Belagerer aus. Während sich die Belagerung in die Länge zieht, hält Karl der Kühne vor der Stadt Hof. Sein Lager ist nicht nur militärisch gut befestigt, sondern ist mit einem eigenen Markt, allen möglichen Werkstätten und Verkaufsständen sowie Plätzen zur Zerstreuung selbst eine Kleinstadt.
Insgesamt 10 Monate dauert die Belagerung. Für das kleine Neuss wird die Luft dünn. Die vielen Angriffe fordern einen hohen Blutzoll. Der Beschuss der Stadt führt zu enormen Schäden und auch die Lebensmittelvorräte werden langsam knapp. Die Bürger verlässt schon fast der Mut.
Während einer besonders kritischen Situation, bei der sich viele Neusser versammeln und ergeben wollen, lässt Hermann von Hessen die Alarmglocken läuten. Die Bürger eilen zu den Waffen und auf die Mauern. Die Versammlung endet, bevor sie richtig begann. Es gab in Wirklichkeit keinen Angriff. Hermann von Hessen hat die Situation mit einem Trick gerade noch mal in den Griff bekommen.
Rettung naht – langsam
Friedrich III., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ist über die Ambitionen Karls des Kühnen natürlich nicht erfreut. Nur ein Jahr vorher hatte er mit Karl dem Kühnen über eine Hochzeit zwischen dessen Tochter und seinem Sohn verhandelt. Nun setzte Karl ihn mächtig unter Druck. Gleich nach Beginn der Fehde beruft Friedrich III. den Reichstag ein und organisiert den Widerstand. Dabei ist er jedoch von seinen Kurfürsten und den Reichsstädten abhängig. Bis diese ihre Kontingente aufgestellt haben und zum Reichsheer stoßen, vergehen Monate.
Friedrich III., seinerzeit als nicht sonderlich entscheidungsfreudig verschmäht, spielt auf Zeit. Er weiß, dass Karl umso mehr unter Druck gerät, je länger die Belagerung ohne Erfolg bleibt. Zudem gerät Karl in seinem Stammland Burgund in Schwierigkeiten. Der Waffenstillstand mit Frankreich läuft aus, der Herzog von Lothringen erklärt ihm den Krieg und der englische König verlangt von ihm die zugesicherte Bereitstellung von Truppen für einen Angriff auf Frankreich.
Als die Neusser fast alle Hoffnung aufgegeben haben und in der Obertorkapelle um Gottes Beistand bitten, landet eine hohle Kanonenkugel mit einer Botschaft in der Stadt. Rettung naht, das Reichsheer kommt!
Nachspiel und Belohnung
Das Ende der Belagerung fordert nochmals einen Blutzoll. Zwischen dem Reichsheer und den Burgundern kommt es zu einer Schlacht am nahegelegenen Reckberg, bei der mindestens 2.000 Mann den Tod finden. Dennoch geht die Sache für alle Beteiligten am Ende erstaunlich glatt über die Bühne.
Kaiser Friedrich III. war trotz der Umstände immer noch an der Verbindung zwischen seinem Sohn und der Tochter Karls des Kühnen interessiert. Er hatte daher auch kein Interesse an einer allzu schmachvollen Niederlage Karls des Kühnen. Die Burgunder mussten einige Bedingungen akzeptieren, jedoch keine Reparationszahlungen leisten. Am 9. Juni 1475 endete die Belagerung von Neuss. Karl der Kühne musste unverrichteter Dinge abziehen.
Die Neusser hatten sich im gesamten Reich für ihre Tapferkeit hohe Achtung erworben. Kaiser Friedrich III. belohnte die Stadt mit erheblichen Privilegien. Für Ruhm und Ehre verlieh er der Stadt das Recht, fortan den kaiserlichen Adler im Wappen zu tragen. Wirtschaftlich bedeutender waren die Vorrechte einer Hansestadt, das Recht, eigene Münzen zu prägen und diverse Zollfreiheiten. Das war allerdings auch bitter nötig, da die Stadt am Boden lag. Es sollte mehr als 40 Jahre dauern, bis die Stadt alle Kriegsanleihen getilgt hatte.
Hermann von Hessen erwarb sich ebenfalls großen Ruhm als Verteidiger des Reiches und wurde vom Kaiser in seiner Rolle als Administrator des Kölner Stiftes und Erzbistums bestätigt. Es sollte allerdings noch bis 1480 dauern, bis er nach dem Tod Ruprechts von der Pfalz offiziell zum Kölner Erzbischof gewählt wurde.
Und auch die Hochzeit zwischen Maria von Burgund, Tochter Karls des Kühnen und Maximilian I., Sohn Friedrichs III. fand 1477 tatsächlich statt. Sie hielt allerdings nicht lange, da Maria fünf Jahre später bei einem Reitunfall ums Leben kam.
Der erfolgreiche Widerstand gegen die burgundische Belagerung hatte einen erstaunlichen Nebeneffekt. Die Neusser schrieben ihren Sieg zu einem großen Teil ihrem Stadtpatron, dem hl. Quirinus zu.
Die burgundischen Soldaten waren davon ebenfalls mächtig beeindruckt. Mehr als 4.000 sollen sich vor ihrem Abzug noch den Quirinussegen im Münster geholt haben – sicher ist sicher. Die Soldaten trugen die Kunde in ihre Heimatländer Frankreich, Italien, England und die Niederlande und verbreiteten so den Ruhm des Schutzpatrons von Neuss.
Der danach wieder verstärkt einsetzende Pilgerstrom hat der Stadt sicher auch geholfen, die enormen Kriegsschäden im Laufe der Jahrzehnte zu überwinden.
Beitragsbild: Das Lager Karls des Kühnen bei der Belagerung von Neuss 1475; Adriaen Van den Houte, 1562





