Nein, es ist nicht von hessischen Touristen die Rede. Es geht um die hessische Besatzung von Neuss im Dreißigjährigen Krieg.
Die Vorgeschichte
Als in Prag am 23. Mai 1618 die Statthalter des Königs aus dem Fenster der Prager Burg 17 Meter in die Tiefe geworfen wurden begann der Dreißigjährige Krieg in Europa. Die drei Adligen überlebten zwar den Sturz, in Folge starben aber Millionen Menschen durch die Kriegswirren und darauf folgenden Hungersnöte.
Was als Religionskrieg zwischen Protestanten und Katholiken begann, entwickelte sich zu einem Territorialkrieg auf verschiedenen Schauplätzen Europas. Die Akteure wechselten in dem Konflikt gerne mal die Seiten und verbanden auch ihre Erbfolgestreitigkeiten mit den laufenden Kriegszügen.
Lange sah es so aus, als bliebe Neuss von den Kriegszügen verschont.
Im Januar 1642 vertrieben die zu dieser Zeit verbündeten französischen und hessischen Truppen die katholische Armee aus der Nähe von Neuss. Neuss war 1586 durch den großen Stadtbrand stark zerstört worden und hatte sich noch nicht wirklich davon erholt. Die Neusser jedenfalls hatten keine Lust, dass sich das Schicksal wiederholt und ergaben sich nach kurzem aber erfolglosen Widerstand dem hessischen General Georg Christoph von Taupadel.
Was glimpflich und ohne großes Blutvergießen begann, wurde zu einer neun Jahre dauernden enormen Belastung für die Stadt und die Bürger.
Die Hessen in Neuss
Die zahlreichen deutschen Fürsten mischten zwar heftig im Krieg mit, verfügten jedoch nicht über die finanziellen Mittel, ihre jeweiligen Heere zu unterhalten. Die Kommandeure der Truppen mussten zusehen, wie sie ihre Soldaten und Söldner bezahlten. Das führte dazu, dass praktisch jede Kriegspartei das Land, in dem gerade gekämpft wurde, mit den Kriegskosten belastete. Vorzugsweise erpresste man natürlich die jeweils gegnerische Partei.
Die Hessen zogen also in Neuss ein, erweiterten anschließend die Festungsanlagen und ließen mit dem Hessentor ein weiteres Stadttor erbauen, um Truppen schneller in Richtung zur Schanze am Rhein verlegen zu können. Die Neusser Bürger wurden nicht nur gezwungen, die hessischen Soldaten unterzubringen, zu verpflegen und bei Laune zu halten, sie mussten auch tatkräftig mit anpacken. Mehr als die Hälfte aller städtischen Einnahmen floss jährlich an die Besatzer.
Am 24. Oktober 1648 endete der Dreißigjährige Krieg offiziell mit dem Westfälischen Frieden. Das war allerdings keineswegs das Ende der hessischen Besatzung. Im Rahmen der komplizierten Friedensverhandlungen wurde Hessen eine Kriegsentschädigung von 600.000 Reichstalern zugesprochen, die von einigen katholischen Kurfürstentümern aufzubringen war. Diese konnten nach vierzig harten Kriegsjahren das Geld nicht sofort aufbringen und mussten akzeptieren, dass die Hessen die Städte Neuss, Coesfeld und Neuhaus als Pfand weiter besetzt hielten.
Als die hessischen Besatzung am 2. Juli 1651 endlich die Stadt Neuss verließ, war die Stadt ausgeblutet. Selbst für den Abzug verlangte der Stadtkommandant noch ein hohes Abzugsgeld. Da die Neusser den Betrag nicht rechtzeitig aufbringen konnten, wurde zwei Neusser Bürger als Geiseln mit nach Kassel geschleppt und erst nach einigen Monaten freigelassen.
Der Stadtrat von Neuss war über den Abzug der Hessen so froh, dass er zum Gedenken eine Tafel an dem Hessentor anbringen ließ. Als das Hessentor 1829 niedergelegt wurde um der Stadtentwicklung mehr Raum zu geben, wurde der Stein in die unmittelbar benachbarte Mauer des Zeughauses eingelassen.
Die alte Tafel enthält ein Chronogramm, der die Jahreszahl des Abzugs in römischen Zahlen angibt.
„SeXto qVIntILes nonas ope VIrgInIs aLMae HassIVs eX nostrIs seDIbVs hIs abIIt“
Gezählt werden die Großbuchstaben, die römische Zahlzeichen sind:
- SeXto → X = 10
- qVIntILes → V + I + I + L = 5 + 1 + 1 + 50 = 57
- VIrgInIs → V + I + I + I = 5 + 3 = 8
- aLMae → L + M = 50 + 1000 = 1050
- HassIVs → I + V = 1 + 5 = 6
- eX → X = 10
- nostrIs → I = 1
- seDIbVs → D + I + V = 500 + 1 + 5 = 506
- hIs → I = 1
- abIIt → I + I = 2
Jetzt alles addieren:
10+57+8+1050+6+10+1+506+1+2=1651
Das Chronogramm ergibt die Jahreszahl 1651.
„Sexto Quintiles nonas“ oder „am sechsten Tag vor den Nonen des Quintilis“ ist das römische Datum 2. Juli.
Das ist natürlich für heutige Menschen zu kompliziert, daher hat der Stadtrat 178 Jahre später gleich die passende Übersetzung mit eingemauert.



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