Schlagwort: Mittelalter

  • Tile Kolup – Der falsche Kaiser

    Tile Kolup – Der falsche Kaiser

    Eine Episode, an die Neuss nicht gerne erinnert werden will. Aus Köln mit Schimpf und Schande hinausgejagt, hielt der falsche Kaiser Friedrich II. monatelang in Neuss Hof. Waren die Neusser nur naiv oder steckt mehr dahinter?

    Die Vorgeschichte – Das Interregnum

    Nichts war so wie früher. Überall verlangten die Städte Zoll, Räuberbanden machten die Straßen unsicher. Längere Reisen und Warenhandel waren mühsam und gefährlich geworden. Chaos und Willkür herrschten überall. Was war los im Deutschen Reich?

    Angefangen hatte alles mit einem Streit des Stauferkaisers Friedrich II. mit Papst Innozenz um die politische Vorherrschaft. Der Papst exkommunizierte den Kaiser und ließ ihn 1245 in Lyon absetzen. Obwohl Friedrich II. in Italien unangefochten blieb, führte das in Deutschland dazu, dass sich hintereinander mehrere Gegenkönige um die Macht stritten. Diese waren oft nur Marionetten an den Fäden der Reichsfürsten, die ihrerseits ihre eigene Machtposition zu stärken versuchten. Die übergeordnete Reichsmacht verfiel zusehends.

    Friedrich II. starb 1250 im fernen Apulien. Mit ihm endete die Herrschaft der Staufer. Erst 1273 einigten sich die deutschen Fürsten auf Rudolf von Habsburg, mit dem die Herrschaft der Habsburger begann. Die Probleme waren jedoch noch lange nicht gelöst und das gemeine Volk bekam von der hohen Politik ohnehin nicht viel mit.

    Nur unter diesen Umständen scheint möglich, was dann passierte.

    Kaiser Friedrich II. ist wieder da!

    Ein fast achtzigjähriger vollbärtiger Greis zieht 1284 in Köln über die Märkte und behauptet von sich, er sei der seit 30 Jahren verschollene Kaiser Friedrich II. Er sei des Regierens müde gewesen und nach Jerusalem gepilgert. Dort sei er eingekerkert und erst nach 30 Jahren freigelassen worden. Nun sei er zurück und beanspruche wieder den Thron.

    So redegewandt er auch war, die Kölner hielten ihn für einen Scharlatan und jagten ihn am Ende in Jauche getaucht aus der Stadt. Nachdem er in Köln eine Niete gezogen hatte, versuchte er es im Herbst des selben Jahres rheinaufwärts in Neuss.

    Jetzt passierte das erstaunliche. Die Neusser rollten ihm den roten Teppich aus und ermöglichten ihm in der Stadt eine Hofhaltung zu etablieren, die eines echten Kaisers würdig war. Der Greis wusste viele Details aus dem Leben des verschollenen Kaisers, er führte ein kaiserliches Siegel mit sich, trat selbstbewusst auf und verhielt sich durch und durch wie ein Kaiser. Am erstaunlichsten war aber, dass er keineswegs mittellos schien. So lud er Adlige und Neusser Bürger oft und gern zu Festessen und Trinkgelagen in die Gasthäuser der Stadt ein und war auch ansonsten nicht knausrig.

    Ungeachtet der unrühmlichen Vorgänge in Köln zog die Hofhaltung des wiedergekehrten Kaisers viele Schaulustige aus dem ganzen Reich, ja sogar aus Italien an. Selbst Adlige versuchten mit seiner Hilfe verlorene Privilegien wiederzuerlangen. Das Treiben spülte nicht unerhebliche Gelder in die Stadt. Dem Stadtrat schien das so zu gefallen, dass er selbst freigiebig zur Hofhaltung des vermeintlichen Kaisers beitrug.

    Das Spiel fing im Frühjahr des Jahres 1285 an zu kippen. Der Versuch, den Grafen Florenz V. von Holland auf Linie zu bringen, ging gehörig schief. Dieser verspottete den Scharlatan in Neuss und dachte gar nicht daran, sich im unterzuordnen.

    Kurz darauf verlangte der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg von den Neussern vor dem Stadttor die Auslieferung des Scharlatans. Die Neusser weigerten sich. Siegfried hätte militärische Gewalt anwenden können, vermied das jedoch und wartete ab.

    Die letzte Herausforderung

    Nach den 20 Jahren Interregnum hatte König Rudolf von Habsburg viel zu tun, um seine Macht zu stärken und die Ordnung im Reich wiederherzustellen. Er führte überwiegend im Süden Krieg, verlangte aber von allen Städten im Reich Steuern in Höhe eines dreißigsten Pfennig (3,33%) auf ihr gesamtes Vermögen, um seine Feldzüge zu finanzieren.

    Verständlicherweise gefiel das nicht allen, so dass sich einige Städte, darunter auch Wetzlar, gegen die Steuern wehrten. Um dem Aufstand den Anschein der Rechtmäßigkeit zu geben, liefen sie in das Lager des falschen Kaisers über. Dieser zog tatsächlich im Juni 1285 nach Wetzlar und forderte Rudolf von Habsburg offen heraus.

    Das Spiel ist aus!

    Bisher schenkte Rudolf dem Treiben des alten Mannes, der sich für Friedrich II. ausgab, wenig Beachtung. Aber durch den Aufstand der Städte und die offene Herausforderung sah er sich nun zum Handeln genötigt. Anfang Juli 1285 stand er mit seinem Heer vor Wetzlar und verlangte die Auslieferung des Scharlatans.

    Nach einigem Hin und Her, bei dem der selbstbewusste alte Mann zunächst sogar erfahrene Adlige von seiner Geschichte überzeugen konnte, lieferten ihn die Wetzlarer schließlich an Rudolf aus.

    Erst unter Folter gestand der falsche Friedrich in Wahrheit ein friesischer Bauernsohn zu sein und Tile Kolup zu heißen. Er habe in jungen Jahren unter Kaiser Friedrich gedient und dort seine speziellen Kenntnisse über den Hof und die Kriegszüge des echten Kaisers erlangt.

    Das Urteil erging schnell und war hart. Am 7. Juli 1285 wurde er vor den Toren von Wetzlar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Spiel war aus.

    Nochmal kurz zurück. Neuss stand unter der Regentschaft des Erzbischofs von Köln, Siegfried von Westerburg. Siegfried war zwar von König Rudolf als Erzbischof eingesetzt worden, geriet aber schnell mit diesem in Streit um die Erhebung von Steuern und die Freiheit von Reichsorten.

    Manche Historiker vermuten, dass Siegfried insgeheim den falschen Kaiser unterstützte um Rudolf zu schwächen, ja vielleicht sogar dessen Absetzung herbeizuführen. Möglicherweise sponserte Siegfried anfangs die Scharade.

    Später jedenfalls war das nicht mehr nötig. Einmal in Schwung gekommen, unterhielt sich das Schauspiel von selbst. Beispielsweise zahlten die jüdischen Gemeinden dem falschen Kaiser Abgaben, um sich vor der Verfolgung durch die Kirche schützen zu lassen. Auch die verbliebenen Verwandten des letzten Stauferkaisers erkannten ihn, vielleicht aus Hoffnung auf ein Comeback, an und statteten seine Gesandten mit reichen Gaben aus.

    Tile Kolup selbst hat trotz Folter nie preisgegeben, woher seine Geldmittel stammten.

    Dass Siegfried viele Intrigen spann, ist historisch belegt. Beispielsweise hatte er sich den Bischofssitz zu Köln sichern können, obwohl er bei seiner Wahl durch das Domkapitel nur eine einzige Stimme erhalten hatte.

    So ist es sehr wahrscheinlich, dass er sich die Hände gerieben hat, während Neuss sich immer tiefer in Mitschuld verstrickte. Er wusste, dass Neuss irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen würde und er seine Rechte als Landesherr gegenüber der selbstbewussten Stadt deutlich ausweiten könnte.

    Mit dem harten Urteil gegen den Betrüger schien auch das Schicksal von Neuss besiegelt. Der König verfügte, dass die Neusser als Unterstützer der Betrügereien mit der selben Strafe zu belegen seien, wie der Betrüger. Er überließ es aber dem Erzbischof, ob der Stadt tatsächlich alle Rechte und Freiheiten entzogen werden.

    Am Ende hatte Neuss unverschämt viel Glück. Siegfried war zu dieser Zeit intensiv in den Limburger Erbfolgestreit mit den Grafen von Berg verstrickt. Der Streit gipfelte 1288 in der Schlacht von Worringen. Siegfried war auf die militärischen Kräfte von Neuss angewiesen. Anstatt die Stadt hart zu bestrafen, bestätigte er ihr noch im September 1285 alle Privilegien, die sein Vor-Vorgänger ihr erteilt hatte.

    Vielleicht, aber auch nur vielleicht, wollte er Neuss auch deshalb nicht hart bestrafen, weil er an der ganzen Situation nicht unschuldig war und Neuss in sein Intrigenspiel hineingezogen hatte.

    Siegfried hatte die Nachsicht gegenüber Neuss übrigens nichts genutzt. Die Schlacht von Worringen hat er krachend verloren.

    Beitragsbild: Victor Meyer, Königsberg 1868 -Tile Kolup (der falsche Friedrich) und die Wiederkunft eines ächten Friedrich, Kaisers der Deutschen“.
    Dargestellt wird die Verbrennung des Hochstaplers im Kaisergrund von Wetzlar.

  • Die Belagerung von Neuss 1474-1475

    Die Belagerung von Neuss 1474-1475

    Es ist eigentlich nur ein Streit um das Erzbistum Köln. Dennoch hat der Konflikt eine europäische Dimension. Und die kleine Stadt Neuss spielt wieder mal in der großen Geschichte eine entscheidende Rolle.

    Die Vorgeschichte

    Im März 1463 wählt das Domkapitel zu Köln Ruprecht von der Pfalz zum Erzbischof. Nachdem sein Vorgänger dem Erzbistum Köln einen Berg von Schulden hinterlassen hatte, wollte man diesmal auf Nummer sicher gehen. Mit Ruprecht glaubten sie einen würdigen Bischof und leichter zu kontrollierenden Fürsten gefunden zu haben. Anfangs geht das auch gut. Wie so oft im Leben gibt es aber einige Jahre später Streit um die Macht und wieder ums Geld, genauer um die Erhebung von Steuern.

    Der Streit eskaliert und das Domkapitel wählt den Bischof wieder ab und setzt den Domherren Hermann von Hessen als Administrator ein. Ruprecht lässt sich das natürlich nicht gefallen und bittet Karl den Kühnen, Herzog von Burgund um militärischen Beistand.

    Karl der Kühne verfolgt eigene Ziele. Sein burgundisches Reich ist riesig und erstreckt sich von der Mitte Frankreichs bis in die Niederlande. Allerdings ist es ein Flickenteppich. Karl würde gerne die Lücken schließen und strebt zudem insgeheim nach der Kaiserkrone. Er kommt Ruprecht also sehr gerne zu Hilfe.

    Die Lage spitzt sich zu

    Karl der Kühne verfügt zu dieser Zeit über die modernste und bestausgerüstete Streitmacht. Er macht sich also mit einem ca. 14.000 Mann umfassenden Heer von Maastricht aus auf den Weg und will Köln in die Knie zwingen. Bevor er jedoch Köln angreift, will er aus strategischen Gründen erst mal die potenziellen Gefahren in seinem Rücken beseitigen. Da ist diese kleine Stadt Neuss nördlich von Köln mit gerade mal 4.000 Einwohnern. Die sollte eigentlich mit solch einer Übermacht binnen Tagen zu nehmen sein.

    Der zum Administrator ernannte Hermann von Hessen erkennt die Gefahr und eilt mit 70 Rittern, 300 Reitern und 1.500 Fußsoldaten nach Neuss. Er kommt gerade noch rechtzeitig an und beginnt die Verteidigung der Stadt zu organisieren.

    Neuss ist zu dieser Zeit recht gut befestigt. Die Stadtmauer ist solide gebaut und mit fünf großen Toren und etlichen Türmen ausgestattet. Zudem ist fast die gesamte Stadt ringsum mit Wassergräben, kleinen Flüssen und einem Nebenarm des Rheins geschützt.

    Am 29. Juli 1474 erreichen die burgundischen Truppen Neuss und die Belagerung beginnt.

    Die Belagerung

    Die burgundische Belagerung ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Auf der Seite der Belagerer verfasst der Hofschreiber Jean Molinet Lobeshymnen auf seinen Herzog. Auf der Seite der Belagerten wird der in Neuss tätige Notar und Stadtschreiber Christian Wierstraet etwa ein Jahr später eine umfassende gereimte Chronik über den Hergang veröffentlichen.

    Überraschenderweise widersteht Neuss den ersten Angriffswellen und führt auch selbst erfolgreiche Ausfälle gegen die Belagerer aus. Während sich die Belagerung in die Länge zieht, hält Karl der Kühne vor der Stadt Hof. Sein Lager ist nicht nur militärisch gut befestigt, sondern ist mit einem eigenen Markt, allen möglichen Werkstätten und Verkaufsständen sowie Plätzen zur Zerstreuung selbst eine Kleinstadt.

    Insgesamt 10 Monate dauert die Belagerung. Für das kleine Neuss wird die Luft dünn. Die vielen Angriffe fordern einen hohen Blutzoll. Der Beschuss der Stadt führt zu enormen Schäden und auch die Lebensmittelvorräte werden langsam knapp. Die Bürger verlässt schon fast der Mut.

    Während einer besonders kritischen Situation, bei der sich viele Neusser versammeln und ergeben wollen, lässt Hermann von Hessen die Alarmglocken läuten. Die Bürger eilen zu den Waffen und auf die Mauern. Die Versammlung endet, bevor sie richtig begann. Es gab in Wirklichkeit keinen Angriff. Hermann von Hessen hat die Situation mit einem Trick gerade noch mal in den Griff bekommen.

    Rettung naht – langsam

    Friedrich III., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ist über die Ambitionen Karls des Kühnen natürlich nicht erfreut. Nur ein Jahr vorher hatte er mit Karl dem Kühnen über eine Hochzeit zwischen dessen Tochter und seinem Sohn verhandelt. Nun setzte Karl ihn mächtig unter Druck. Gleich nach Beginn der Fehde beruft Friedrich III. den Reichstag ein und organisiert den Widerstand. Dabei ist er jedoch von seinen Kurfürsten und den Reichsstädten abhängig. Bis diese ihre Kontingente aufgestellt haben und zum Reichsheer stoßen, vergehen Monate.

    Friedrich III., seinerzeit als nicht sonderlich entscheidungsfreudig verschmäht, spielt auf Zeit. Er weiß, dass Karl umso mehr unter Druck gerät, je länger die Belagerung ohne Erfolg bleibt. Zudem gerät Karl in seinem Stammland Burgund in Schwierigkeiten. Der Waffenstillstand mit Frankreich läuft aus, der Herzog von Lothringen erklärt ihm den Krieg und der englische König verlangt von ihm die zugesicherte Bereitstellung von Truppen für einen Angriff auf Frankreich.

    Als die Neusser fast alle Hoffnung aufgegeben haben und in der Obertorkapelle um Gottes Beistand bitten, landet eine hohle Kanonenkugel mit einer Botschaft in der Stadt. Rettung naht, das Reichsheer kommt!

    Nachspiel und Belohnung

    Das Ende der Belagerung fordert nochmals einen Blutzoll. Zwischen dem Reichsheer und den Burgundern kommt es zu einer Schlacht am nahegelegenen Reckberg, bei der mindestens 2.000 Mann den Tod finden. Dennoch geht die Sache für alle Beteiligten am Ende erstaunlich glatt über die Bühne.

    Kaiser Friedrich III. war trotz der Umstände immer noch an der Verbindung zwischen seinem Sohn und der Tochter Karls des Kühnen interessiert. Er hatte daher auch kein Interesse an einer allzu schmachvollen Niederlage Karls des Kühnen. Die Burgunder mussten einige Bedingungen akzeptieren, jedoch keine Reparationszahlungen leisten. Am 9. Juni 1475 endete die Belagerung von Neuss. Karl der Kühne musste unverrichteter Dinge abziehen.

    Die Neusser hatten sich im gesamten Reich für ihre Tapferkeit hohe Achtung erworben. Kaiser Friedrich III. belohnte die Stadt mit erheblichen Privilegien. Für Ruhm und Ehre verlieh er der Stadt das Recht, fortan den kaiserlichen Adler im Wappen zu tragen. Wirtschaftlich bedeutender waren die Vorrechte einer Hansestadt, das Recht, eigene Münzen zu prägen und diverse Zollfreiheiten. Das war allerdings auch bitter nötig, da die Stadt am Boden lag. Es sollte mehr als 40 Jahre dauern, bis die Stadt alle Kriegsanleihen getilgt hatte.

    Hermann von Hessen erwarb sich ebenfalls großen Ruhm als Verteidiger des Reiches und wurde vom Kaiser in seiner Rolle als Administrator des Kölner Stiftes und Erzbistums bestätigt. Es sollte allerdings noch bis 1480 dauern, bis er nach dem Tod Ruprechts von der Pfalz offiziell zum Kölner Erzbischof gewählt wurde.

    Und auch die Hochzeit zwischen Maria von Burgund, Tochter Karls des Kühnen und Maximilian I., Sohn Friedrichs III. fand 1477 tatsächlich statt. Sie hielt allerdings nicht lange, da Maria fünf Jahre später bei einem Reitunfall ums Leben kam.

    Der erfolgreiche Widerstand gegen die burgundische Belagerung hatte einen erstaunlichen Nebeneffekt. Die Neusser schrieben ihren Sieg zu einem großen Teil ihrem Stadtpatron, dem hl. Quirinus zu.

    Die burgundischen Soldaten waren davon ebenfalls mächtig beeindruckt. Mehr als 4.000 sollen sich vor ihrem Abzug noch den Quirinussegen im Münster geholt haben – sicher ist sicher. Die Soldaten trugen die Kunde in ihre Heimatländer Frankreich, Italien, England und die Niederlande und verbreiteten so den Ruhm des Schutzpatrons von Neuss.

    Der danach wieder verstärkt einsetzende Pilgerstrom hat der Stadt sicher auch geholfen, die enormen Kriegsschäden im Laufe der Jahrzehnte zu überwinden.

    Beitragsbild: Das Lager Karls des Kühnen bei der Belagerung von Neuss 1475; Adriaen Van den Houte, 1562

  • St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    Ein Mann schreitet energisch über den Freithof. Pilgerstab und Trinkkalebasse in der einen, ein Evangeliar in der anderen Hand. Der Mantel bauscht sich auf. Er scheint es eilig zu haben. Wer ist das und wieso steht er an so einem prominenten Ort in Neuss?

    Fast jeder erkennt die Jakobsmuschel. Sie befindet sich nicht nur an der Hutkrempe der Figur und auf dem Sockel, sondern in ganz Europa an unzähligen Wegzeichen. Ganz offensichtlich handelt es sich also um einen Pilger. Dieser Pilger ist aber jemand besonderes. Das Evangeliar in seiner rechten Hand gibt uns den entscheidenden letzten Hinweis. Es ist der hl. Jakobus der Ältere, einer der zwölf Apostel, Patron Spaniens und einer der bekanntesten Heiligen weltweit.

    Die Person des hl. Jakobus

    Über den hl. Jakobus umranken sich viele Legenden. Sicher ist, dass er zunächst als der erste christliche Märtyrer verehrt wurde und ab dem späten 9. Jahrhundert als Nationalheiliger des katholischen Spaniens mehr und mehr eine kriegerische Funktion als Unterstützer im Krieg gegen die Mauren erfüllte.

    So wurde St. Jakobus nicht nur der Schutzpatron Spaniens und der Pilger, sondern auch der Schutzpatron der Krieger, Kettenschmiede, sowie der Apotheker und Drogisten. Er wird daher wahlweise mal als frommer Pilger oder galoppierender Ritter in Rüstung dargestellt.

    Die Verbindung mit Neuss

    St. Jakobus ist nicht nur Patron der Pilger, sondern auch Schutzpatron der Neusser Scheibenschützen.

    Die Neusser Scheibenschützengesellschaft von 1415 e.V. sieht sich in der Tradition der St. Sebastianus Bruderschaft, der ältesten Bruderschaft in Neuss. Die St. Sebastianus Bruderschaft musste 1794 unter der Herrschaft Napoleons ihre Tätigkeit einstellen, wurde jedoch nie förmlich aufgelöst. Am 22. März 1804 lebte sie nach einer gründlichen Satzungsänderung wieder auf und wählte in Folge den Jakobustag am 25 Juli als Festtag und den hl. Jakobus als Schutzpatron.

    Neuss war im Mittelalter durch die Reliquienverehrung des hl. Quirinus ein wichtiges Pilgerziel. Viele dieser Pilger folgten den Jakobswegen, die von Norden kommend in Richtung Santiago de Compostela führten. Neuss lag an einer Kreuzung verschiedener Pilgerwege und war daher eng in dieses Wegenetz eingebunden.

    Die Neusser Scheibenschützen wollten mit der Stiftung des Denkmals sowohl ihren Schutzpatron ehren, als auch an die Bedeutung der Stadt Neuss als Pilgerzentrum im Mittelalter erinnern.

    Der Künstler und das Werk

    Erschaffen hat diese lebensgroße Plastik der 2025 verstorbene Bert Gerresheim. Gerresheim studierte zusammen mit Günther Uecker an der Düsseldorfer Kunstakademie und beschäftigte sich seit den 1980er Jahren intensiv mit christlicher Kunst. Viele seiner Skulpturen und Plastiken stehen in Kirchen und im öffentlichen Raum, die meisten davon im Rheinland.

    Als Bert Gerresheim 2005 von Dr. Hermann Josef Kallen, dem damaligen Oberschützenmeister der Scheibenschützen, kontaktiert wurde, war dieser nicht schwer zu überzeugen. Er hatte nämlich schon einige Zeit vorher ein Bronzemodell des Apostel Jakobus gestaltet, nachdem er im Jahr 2000 in die internationale Erzbruderschaft des hl. Jakobus an der Kathedrale von Santiago de Compostela aufgenommen wurde. Die Idee für das Werk war also bereits da, der Auftrag aus Spanien wurde aber zum Glück für Neuss nie realisiert.

    Gerresheim veränderte den ursprünglich eher verhaltenen Entwurf in eine dynamisch schreitende Figur. Dies sollte nicht nur eine Anspielung auf den langen Pilgerweg, sondern auch als Metapher für den Lebensweg eines jeden Menschen sein. Ein sichtbarer Schnitt, der die Figur durchzieht, symbolisiert die Verwundbarkeit und Gespaltenheit der menschlichen Existenz auf ihrem Lebensweg. Im Sockel trennt der Schnitt den durch Sterne gekennzeichneten himmlischen Pilgerweg von dem durch Pilgermuscheln versinnbildlichten irdischen Pilgerweg.

    Realisiert wurde die ca. 800 kg schwere Bronzefigur im Wachsausschmelzverfahren in der Düsseldorfer Kunstgiesserei Schmäke. Sie wurde am 25 Juli 2007, dem Patronatstag der Neusser Scheibenschützen, feierlich eingeweiht.

    Nun ja, wirklich „geheim“ ist es nicht, sonst würde es ja nicht hier stehen. Es ist aber dennoch nicht jedem bekannt.

    Bert Gerresheim hatte einen engen Mitarbeiter, Francisco Ces Hernandez, der gleichzeitig auch sein Lebensgefährte war. Wer bei der Einweihung dabei war oder heute Bilder von Francisco Ces Hernandez sieht, wird eine höchst bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gesicht des Jakobus feststellen.

    Gerresheim hatte der Figur nicht nur das Gesicht seines Lebensgefährten gegeben, Francisco Ces Hernandez war in der Werkstatt auch maßgeblich an der Erschaffung der Figur beteiligt.

    Einer der zahlreichen Legenden um den Heiligen ist die Gründungsgeschichte der heutigen Jakobusverehrung in Santiago de Compostela.

    In der Apostelgeschichte 12, 1-2 wird erzählt, dass König Herodes einige aus der Gemeinde der Anhänger Jesu in Jerusalem verhaften und misshandeln ließ. Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten.

    Zwei seiner Schüler entwendeten den Leichnam des Jakobus und legten ihn in ein ruderloses Boot. Von Engeln geleitet erreichte es nach langer Fahrt Nordspanien. Der Leichnam wurde entdeckt und in einen großen Stein gelegt. Dieser Stein verwandelte sich daraufhin in einen Sarkophag.

    Die Stelle des Jakobusgrabes geriet in Vergessenheit, bis er sich selbst im 9. Jahrhundert dem Eremiten Pelayo auf dem Compostela (span.: Sternenfeld) offenbarte. Im Jahr 813 wurde dort mit dem Bau der Kirche begonnen, in der am 25. Juli 816 die Gebeine des hl. Jakobus beigesetzt wurden.

    Der Ort Santiago (span.: heiliger Jakobus) de Compostela entwickelte sich in Folge zu einem der größten Wallfahrtszentren des Abendlandes. Bis ins 15. Jahrhundert zog der Ort mehr Pilger an als Rom oder Jerusalem.

    Auch heute fasziniert der Jakobsweg abertausende Menschen. Der religiöse Bezug gerät dabei allerdings immer weiter in den Hintergrund.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund durch KI angepasst.

  • Die Geschichte von Chatharina Halffmans

    Die Geschichte von Chatharina Halffmans

    Ein Hexenprozess in Neuss mit ungewöhnlichem Ausgang.

    Am 3. Juni 1677 wurde in Neuss die 18jährige Halbwaise Catharina Halffmans wegen Verdachts der Hexerei verhaftet. Die junge Frau hatte den Fehler begangen, sich Geistlichen im Observantenkloster in Briefen anzuvertrauen. Sie bat darin um geistlichen Beistand, da sie an vielen Dingen zweifelte und sich in einem „verführlichen Zustand“ wähnte.

    Zur damaligen Zeit führten solche Hexenprozesse ziemlich sicher zum Tode, nicht ohne vorherige „peinliche Befragung“ – oder mit anderem Wort brutale Folter zur Erzwingung eines Geständnisses. Vorsichtigen Schätzungen nach verloren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 25.000 Menschen, meist Frauen, ihr Leben.

    Der Prozess

    Die Stadt wollte kurzen Prozess machen. Der Ankläger war Pater Guardini, der Leiter des Observantenklosters. Die junge Frau hatte bereits ohne Anwendung der Folter alles gestanden. Wo ist da das Problem?

    Der Vogt Anton Sibenius, als Vertreter des damaligen Kurfürsten Maximilian Heinrich, geriet jedoch schnell mit dem Stadtrat über das Verfahren in einen heftigen Streit. Es keineswegs um die arme Frau, die als Hexe beschuldigt wurde. Es ging im Wesentlichen darum, wer in Neuss die Blutgerichtsbarkeit ausüben durfte und wer die städtische Justiz kontrollieren darf.

    Der Vogt nutze den Prozess um den Stadtrat in die Schranken zu weisen. Der Stadtrat wollte seine alten Rechte wiedererlangen, die von den Landesherren immer weiter beschnitten wurden. Beide Instanzen gaben nicht nach und zogen schlussendlich sogar vor das Reichskammergericht in Speyer.

    Der Ausgang

    Aus dem Hexenprozess war ein hochpolitischer Machtkampf zwischen den Institutionen geworden. Die lachende Dritte war überraschenderweise Catharina Halffmans. Am 30. April 1679 gelang ihr mit Hilfe französischer Soldaten die Flucht aus dem Gefängnis. Der Stadtrat hatte das Thema wohl satt und unterließ jede Nachverfolgung. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt.

    In einer Zeit, in der Hexenprozesse allzu oft tödlich endeten, überlebte sie – nicht wegen eines Freispruchs, sondern weil sich die Obrigkeiten gegenseitig blockierten.

    Eines der grausamen Mittel zur Ermittlung der „Wahrheit“ war der sogenannte Hexenstuhl. Ein Stuhl dessen komplette Oberfläche mit spitzen Nägeln gespickt war. Wer darauf festgebunden wurde, konnte wohl nach kurzer Zeit vor Schmerzen kaum noch denken und „gestand“ alles, was verlangt wurde.

    Ein solcher Hexenstuhl ist übrigens heute im Kehlturm zu besichtigen. Echt ist er wohl nicht, da geschmiedete Nägel im Mittelalter eher viereckig und nicht rund waren, wie bei dem Stuhl im Kehlturm. Eine grausige Vorstellung von den Methoden gibt er dennoch.

    Übrigens: Obwohl Catharina Halffmans bereits zu Beginn des Prozesses alles gestand, was man von ihr verlangte, wurde sie nach einem Jahr Kerkerhaft trotzdem nochmals unter Folter befragt. Zur Wahrheitsfindung hat dies sicher nicht beigetragen.

    Wer mehr über das Vogthaus in Neuss und die Vögte im Mittelalter wissen will, kann hier weiterlesen.

    Bild.: Ausschnitt aus T.J.V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam 1686)

  • Vogthaus

    Vogthaus

    Das Gebäude am Münsterplatz sticht sofort ins Auge. Es ist offensichtlich viel älter als die Nachbarbauten und zudem reich geschmückt mit einem Glockenspiel. Welche Geschichte erzählt dieses Haus?

    Das Vogt- und Dinghaus zu den Heiligen Drei Königen

    Johannes Horn verdankt seinen Beinamen Goldschmidt möglicherweise seinem nicht unerheblichen Wohlstand. Er war Weinhändler und erwarb 1559 das Bürgerrecht in Neuss. Als Vogt von Neuss bekleidete er das wichtigste politische Amt der Stadt und erhielt mit der neuen Stadtverfassung von 1590, auch „Reformierte Polizeiordnung“ genannt, eine erhebliche Aufwertung.

    Macht und Einfluss verlangen nach entsprechenden äußeren Zeichen. Also ließ sich Johannes Horn 1597 an der prominentesten Stelle der Stadt ein repräsentatives Wohnhaus bauen. Der Name des Hauses sollte unmissverständlich anzeigen, wer dem Vogt seine Macht verlieh. Die Reliquien der Heiligen Drei Könige waren seit 1164 nicht nur Markenzeichen von Köln, sondern auch theologisches Fundament der herausgehobenen Stellung des Kölner Erzbischofs. Damit sollte vermittelt werden, dass die Macht des Vogtes nicht nur weltlich und damit vergänglich war, sondern Gottes Gnade entstammte und damit unverrückbar feststand. Dieser Argumentation begegnen wir selbst in der heutigen Zeit immer noch an vielen Orten der Welt.

    Das Haus diente über zweihundert Jahre den nachfolgenden Vögten als Wohnsitz, bis es 1810 verkauft wurde. Im Laufe der Jahrzehnte verfiel es zusehends bis sich die Bank für Handwerk und Gewerbe, die spätere Volksbank, erbarmte und das Gebäude kaufte und restaurieren ließ.

    Wie fast alle Gebäude in Neuss wurde auch das Vogthaus im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Nach dem Krieg wurde die Fassade nach alten Bildern wieder aufgebaut, der Rest des Hauses entspricht jedoch modernen Anforderungen.

    Heute sind in dem Haus ein großes Restaurant im Brauhausstil mit rheinischer Küche und eine Arztpraxis ansässig. In einem Raum im obersten Stockwerk befindet sich das Schützenglockenspiel. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

    Etliche Landesherren waren schon im Frühmittelalter zum einen als Fürsten weltliche Herrscher mit allen Rechten und Pflichten. Zum anderen bekleideten sie ein Bischofsamt und sollten als Geistliche zumindest nicht direkt die weltliche Gewalt ausüben. Also setzte man staatliche Beamte ein, die als Stellvertreter von kirchlichen Würdenträgern diese in weltlichen Angelegenheiten vertraten.

    Seit Ende des 9. Jahrhunderts, spätestens aber um die Mitte des 10. Jahrhunderts gehörte Neuss dem Erzbischof und Kurfürst von Köln. Die Neusser und den Kölner Erzbischof verband eine gut 800 Jahre währende Hassliebe. Mal unterstützten die Neusser ihren Landesherren, mal kämpften sie gegen ihn. Aber immer kämpften sie für ihre Selbstbestimmung.

    Im Jahre 1259, das Neusser Quirinusmünster war in seiner Pracht kurz vorher fertiggestellt, gewährte Konrad von Hochstaden der Stadt das Recht auf Selbstverwaltung, eigener Gerichtsbarkeit und Errichtung einer Stadtbefestigung in der ersten schriftlich niedergelegten Stadtverfassung.

    Konrad von Hochstaden war ein schillernder Mann. Als zweiter Sohn ohne Aussicht auf das Erbe geboren, erkämpfte er sich machtbewusst, intrigenreich und vor nichts zurückschreckend eine der einflussreichsten Positionen im gesamten Deutschen Reich. Er sicherte sich diese Position aber auch weitblickend durch Städtegründungen und -erhebungen sowie die Einführung moderner Territorialverwaltungen.

    Die Vögte waren die Augen, Ohren, rechte und linke Hand des Landesherrn. Sie hatten weitreichende Machtbefugnisse, die im Laufe der Jahrhunderte mal mehr mal weniger ausgeprägt waren. Insbesondere in den reicheren Handelsstädten kam es immer wieder zu Machtkämpfen zwischen dem Vogt und dem Stadtrat mit seinem Bürgermeister.

    Im Falle von Neuss war es aber nicht deren Reichtum, da die Stadt nach dem Stadtbrand von 1586 größtenteils zerstört war. Hier ging es dem katholischen Kurfürsten darum, die Stadt mehr unter seine Kontrolle zu bringen, nachdem sie sich im Truchsessischen Krieg auf die falsche, nämlich die protestantische Seite gestellt hatte.

    So wurden in der Neusser Stadtverfassung von 1590 die Rechte und Pflichten des Vogtes erheblich ausgeweitet, sehr zum Verdruss des Stadtrates. Das ging so weit, dass zwar die Stadt ihre beiden Bürgermeister noch selbst wählen konnte, diese jedoch nur mit Zustimmung des Vogtes ihr Amt aufnehmen durften.

    Wer wissen will, welche Auswirkung es haben kann, wenn sich der Vogt und der Stadtrat streiten, kann hier eine Geschichte dazu lesen.

  • Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    In dieser Geschichte geht es um einen Heiligen, einen Papst, eine Äbtissin und eine größere Kirche. Es geht um den Glauben an göttlichen Beistand und die Fürsprache der Heiligen. Es geht aber auch um Ruhm, Ehre, Macht und klassische Vermarktung.

    Die Geschichte

    Um 950 wurde in Neuss durch die Stiftung einer reichen adligen Familie ein Benediktinerinnenkloster errichtet. Etwa hundert Jahre später stand diesem Kloster die Äbtissin Gepa vor.

    Gepa von Neuss war die Schwester von Papst Leo IX. Durch diese familiäre Verbindung und vom gemeinsamen Wunsch nach Stärkung des christlichen Glaubens getrieben, schenkte Papst Leo IX. seiner Schwester die Reliquien des hl. Quirinus, einer der bedeutendsten frühchristlichen Märtyrer.

    Genau am 30. April 1050 traf Gepa mit den Gebeinen des hl. Quirinus im Gepäck per Schiff aus Rom in Neuss ein. Selbstverständlich wurde das nicht nur in Neuss gebührend gefeiert, sondern auch im gesamten Rheinland proklamiert. Auch heute noch ist der 30. April der Tag des Patroziniums.

    Die Protagonisten

    Der Heilige

    Über den hl. Quirinus und seine Geschichte gibt es einen eigenen Beitrag. Den könnt ihn hier lesen.

    Die Äbtissin

    Gepa von Neuss stand einem angesehen Kloster vor. Sie war zweifellos nicht nur wohlhabend, sondern über familiäre Verbindungen auch gut vernetzt. Ihr Bruder war erst Bischof von Toul, später dann sogar Papst. Über Ecken war sie sogar mit dem Kaiser verwandt. Es ist also glaubhaft, dass ihr die Bitte nach einer wichtigen christlichen Reliquie zur Stärkung des Glaubens in Neuss erfüllt wurde.

    Der Papst

    Papst Leo IX. war der erste und bedeutendste der fünf „deutschen“ Päpste. er stammte aus einer oberelsässischen Grafenfamilie, die mit dem deutschen Kaiser Heinrich III. verwandt war. Bereits mit 24 Jahren wurde er Bischof von Toul. 1048 wurde er auf dem Reichstag zu Worms zum Papst ernannt. Da er sich jedoch als „Bischof von Rom“ noch die Legitimation des römischen Klerus und Volkes wünschte, nahm er erst im folgenden Jahr die Papstwürde an.

    Leo IX. war ein Reformer und bereiste häufig die Reichsteile nördlich der Alpen. Er festigte die Position des Papstes und seine Macht unter anderem dadurch, dass er den Menschen als Mann des Volkes gegenübertrat.

    Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass er der Bitte seiner Schwester nachgekommen ist, den Glauben der Menschen in der Stadt Neuss mit den Reliquien des hl. Quirinus zu festigen.

    Die Klosterkirche

    Im Jahre 1179 wurde das Benediktinerinnenkloster in ein Damenstift umgewandelt. Der Unterschied bestand im Wesentlichen darin, dass die Nonnen im Kloster deutlich striktere Regeln befolgen mussten, als die Stiftsdamen. Die Stiftsdamen verfügten darüber hinaus über eigenes Vermögen, eigene Wohnungen und konnten auch aus der Gemeinschaft wieder austreten. Beide Einrichtungen dienten jedoch dem gleichen Zweck, nämlich der Versorgung der unverheirateten weiblichen Familienmitglieder.

    Das Damenstift war in Neuss die wohlhabendste Klostergemeinschaft und verfügte auch über die größte Kirche. Doch mit der immer weiter zunehmenden Verehrung des hl. Quirinus wurde diese Kirche zu klein. So wurde 1209 mit dem Bau einer erheblich größeren Kirche, der Quirinus-Basilika begonnen.

    Ohne die Reliquien, den damit verbundenen Ruhm und den in Folge entstandenen Pilgerstrom, wäre ein Neubau sicher nicht notwendig gewesen.

    So schön die Geschichte klingt, so falsch ist sie leider auch. Eine Verehrung des hl. Quirinus fand jedenfalls schon deutlich früher, mindestens seit 1021 in Neuss statt. Und ob Gepa und Leo wirklich Geschwister waren, ist zumindest zweifelhaft. Viel spannender ist, dass die Geschichte in dieser Form überhaupt erst im 15. und 16. Jahrhundert erzählt wurde.

    Eines ist sicher, die Reliquien zogen im Mittelalter wie ein Magnet Millionen von Pilgern an. Es wurde fleißig mit Reliquien gehandelt und gerne auch mal betrogen. Reliquien fokussierten den Glauben. Für die damaligen Menschen, die in der Mehrheit weder lesen noch schreiben konnten, wurde ihre Religion in den bebilderten Heiligengeschichten und Reliquien begreifbar.

    Wenn diese Geschichten auserzählt waren, wurden oft neue Legenden erfunden. Im Volk gab es niemand, der den Wahrheitsgehalt hätte prüfen können. Es war im Grunde auch egal, Hauptsache die Geschichten waren schön. Es ging zwar alles viel langsamer als heute, aber die Mechanismen zur Aufmerksamkeitserregung konnte man auch damals bereits beobachten.

    Nur wenig später als in Neuss, im Jahr 1164, „schenkte“ Kaiser Barbarossa seinem Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der heiligen drei Könige. Dass diese eigentlich zwei Jahre vorher aus Mailand geraubt wurden, wo sie seit dem 4. Jahrhundert aufbewahrt wurden, ist offensichtlich irrelevant.

    Auch hier wurde die Überführung der Gebeine von Italien nach Köln ausführlich zelebriert. Heute würde man wohl sagen, marketingtechnisch nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. Und auch hier entstand anschließend ein bemerkenswerter Aufschwung durch die Pilgerströme, der ebenso wie in Neuss zum Bau einer neuen größeren Kirche, des Kölner Doms, führte.

  • Kehlturm

    Kehlturm

    Es ist ein ziemlich unscheinbarer kreisrunder Bau, der nur knapp über das heutige Straßenniveau hinausragt. Das Mauerwerk sieht allerdings alt aus. Was verbirgt sich hinter diesem etwas kurz geratenen Turm?

    Neuss am Rhein?

    Um zu verstehen, welche Bedeutung dieser Turm im Mittelalter hatte, müssen wir uns den Stadtplan von Braun und Hogenberg aus dem Jahr 1590 genauer ansehen.

    Stadtplan von Neuss nach Braun und Hogenberg von 1590 mit markiertem Verlauf der rheinseitigen Stadtmauer

    In dem Plan ist der rheinseitige Verlauf der Stadtmauer gelb und der Kehlturm grün markiert. Wer den Stadtplan kennt oder genau hinschaut, bemerkt, dass Neuss gar nicht (mehr) am Rhein liegt. Entlang der Stadtmauer fließt die Erft und genau gegenüber dem Kehlturm liest man „Fluß aus dem Rhein“. Aber Neuss lag doch am Rhein, oder nicht?

    Des Rätsels Lösung ist die Verlagerung des Rheins im 12. Jahrhundert. Nach mehreren starken Hochwasserphasen hat sich der Rhein im Laufe von etwa 100 Jahren immer weiter nach Osten verlagert. Zurück blieb ein Seitenarm, die „Kehl“ oder „Kalle“. Diese floss aus dem Rhein kommend, in westlicher Richtung geradewegs auf Neuss zu, um dann nördlich der Stadt wieder in den Rhein zu münden.

    Für Neuss war die Rheinverlagerung äußerst geschäftskritisch. Der Warenhandel auf dem Rhein war eine Lebensader der Stadt. Ohne einen Hafen mit direktem Rheinzugang wäre zumindest der Fernhandel zusammengebrochen. Die Neusser griffen zu einem aufwändigen Trick und leiteten die südlich der Stadt in den Rhein mündende Obererft so um, dass sie entlang der Stadtmauer floss und den Hafen wieder schiffbar machte.

    Die flusseitige Stadtbefestigung

    Wie man auf dem Plan sofort sieht, hat der Kehlturm eine strategisch perfekte Lage. Auf dem Turm waren Kanonen stationiert, mit denen die Neusser sowohl den unterhalb der Stadtmauer gelegenen Schiffsanleger gut verteidigen, als auch Angreifer auf der Kehl abwehren konnten.

    Tatsächlich lag das Bodenniveau zu damaliger Zeit etwa 6 Meter tiefer. Der Turm hatte also eine imposante Höhe, die man heute gar nicht mehr wahrnimmt. Auch die Mauern sind mit ca. 2 Meter Dicke sehr stabil gebaut. Nach dem zweiten Weltkrieg und bei den Bauarbeiten für das Romaneum 2017 wurde nur der obere Teil des Turms restauriert. Wobei man sich offensichtlich die „künstlerische Freiheit“ herausnahm, gleich eine Türöffnung mit einzubauen. Der originale Festungsturm hatte ganz sicher keine einladende Tür nach außen.