Ein Mann schreitet energisch über den Freithof. Pilgerstab und Trinkkalebasse in der einen, ein Evangeliar in der anderen Hand. Der Mantel bauscht sich auf. Er scheint es eilig zu haben. Wer ist das und wieso steht er an so einem prominenten Ort in Neuss?
Fast jeder erkennt die Jakobsmuschel. Sie befindet sich nicht nur an der Hutkrempe der Figur und auf dem Sockel, sondern in ganz Europa an unzähligen Wegzeichen. Ganz offensichtlich handelt es sich also um einen Pilger. Dieser Pilger ist aber jemand besonderes. Das Evangeliar in seiner rechten Hand gibt uns den entscheidenden letzten Hinweis. Es ist der hl. Jakobus der Ältere, einer der zwölf Apostel, Patron Spaniens und einer der bekanntesten Heiligen weltweit.
Die Person des hl. Jakobus
Über den hl. Jakobus umranken sich viele Legenden. Sicher ist, dass er zunächst als der erste christliche Märtyrer verehrt wurde und ab dem späten 9. Jahrhundert als Nationalheiliger des katholischen Spaniens mehr und mehr eine kriegerische Funktion als Unterstützer im Krieg gegen die Mauren erfüllte.
So wurde St. Jakobus nicht nur der Schutzpatron Spaniens und der Pilger, sondern auch der Schutzpatron der Krieger, Kettenschmiede, sowie der Apotheker und Drogisten. Er wird daher wahlweise mal als frommer Pilger oder galoppierender Ritter in Rüstung dargestellt.
Die Verbindung mit Neuss
St. Jakobus ist nicht nur Patron der Pilger, sondern auch Schutzpatron der Neusser Scheibenschützen.
Die Neusser Scheibenschützengesellschaft von 1415 e.V. sieht sich in der Tradition der St. Sebastianus Bruderschaft, der ältesten Bruderschaft in Neuss. Die St. Sebastianus Bruderschaft musste 1794 unter der Herrschaft Napoleons ihre Tätigkeit einstellen, wurde jedoch nie förmlich aufgelöst. Am 22. März 1804 lebte sie nach einer gründlichen Satzungsänderung wieder auf und wählte in Folge den Jakobustag am 25 Juli als Festtag und den hl. Jakobus als Schutzpatron.
Neuss war im Mittelalter durch die Reliquienverehrung des hl. Quirinus ein wichtiges Pilgerziel. Viele dieser Pilger folgten den Jakobswegen, die von Norden kommend in Richtung Santiago de Compostela führten. Neuss lag an einer Kreuzung verschiedener Pilgerwege und war daher eng in dieses Wegenetz eingebunden.
Die Neusser Scheibenschützen wollten mit der Stiftung des Denkmals sowohl ihren Schutzpatron ehren, als auch an die Bedeutung der Stadt Neuss als Pilgerzentrum im Mittelalter erinnern.
Der Künstler und das Werk
Erschaffen hat diese lebensgroße Plastik der 2025 verstorbene Bert Gerresheim. Gerresheim studierte zusammen mit Günther Uecker an der Düsseldorfer Kunstakademie und beschäftigte sich seit den 1980er Jahren intensiv mit christlicher Kunst. Viele seiner Skulpturen und Plastiken stehen in Kirchen und im öffentlichen Raum, die meisten davon im Rheinland.
Als Bert Gerresheim 2005 von Dr. Hermann Josef Kallen, dem damaligen Oberschützenmeister der Scheibenschützen, kontaktiert wurde, war dieser nicht schwer zu überzeugen. Er hatte nämlich schon einige Zeit vorher ein Bronzemodell des Apostel Jakobus gestaltet, nachdem er im Jahr 2000 in die internationale Erzbruderschaft des hl. Jakobus an der Kathedrale von Santiago de Compostela aufgenommen wurde. Die Idee für das Werk war also bereits da, der Auftrag aus Spanien wurde aber zum Glück für Neuss nie realisiert.
Gerresheim veränderte den ursprünglich eher verhaltenen Entwurf in eine dynamisch schreitende Figur. Dies sollte nicht nur eine Anspielung auf den langen Pilgerweg, sondern auch als Metapher für den Lebensweg eines jeden Menschen sein. Ein sichtbarer Schnitt, der die Figur durchzieht, symbolisiert die Verwundbarkeit und Gespaltenheit der menschlichen Existenz auf ihrem Lebensweg. Im Sockel trennt der Schnitt den durch Sterne gekennzeichneten himmlischen Pilgerweg von dem durch Pilgermuscheln versinnbildlichten irdischen Pilgerweg.
Realisiert wurde die ca. 800 kg schwere Bronzefigur im Wachsausschmelzverfahren in der Düsseldorfer Kunstgiesserei Schmäke. Sie wurde am 25 Juli 2007, dem Patronatstag der Neusser Scheibenschützen, feierlich eingeweiht.
Nun ja, wirklich „geheim“ ist es nicht, sonst würde es ja nicht hier stehen. Es ist aber dennoch nicht jedem bekannt.
Bert Gerresheim hatte einen engen Mitarbeiter, Francisco Ces Hernandez, der gleichzeitig auch sein Lebensgefährte war. Wer bei der Einweihung dabei war oder heute Bilder von Francisco Ces Hernandez sieht, wird eine höchst bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gesicht des Jakobus feststellen.
Gerresheim hatte der Figur nicht nur das Gesicht seines Lebensgefährten gegeben, Francisco Ces Hernandez war in der Werkstatt auch maßgeblich an der Erschaffung der Figur beteiligt.
Einer der zahlreichen Legenden um den Heiligen ist die Gründungsgeschichte der heutigen Jakobusverehrung in Santiago de Compostela.
In der Apostelgeschichte 12, 1-2 wird erzählt, dass König Herodes einige aus der Gemeinde der Anhänger Jesu in Jerusalem verhaften und misshandeln ließ. Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten.
Zwei seiner Schüler entwendeten den Leichnam des Jakobus und legten ihn in ein ruderloses Boot. Von Engeln geleitet erreichte es nach langer Fahrt Nordspanien. Der Leichnam wurde entdeckt und in einen großen Stein gelegt. Dieser Stein verwandelte sich daraufhin in einen Sarkophag.
Die Stelle des Jakobusgrabes geriet in Vergessenheit, bis er sich selbst im 9. Jahrhundert dem Eremiten Pelayo auf dem Compostela (span.: Sternenfeld) offenbarte. Im Jahr 813 wurde dort mit dem Bau der Kirche begonnen, in der am 25. Juli 816 die Gebeine des hl. Jakobus beigesetzt wurden.
Der Ort Santiago (span.: heiliger Jakobus) de Compostela entwickelte sich in Folge zu einem der größten Wallfahrtszentren des Abendlandes. Bis ins 15. Jahrhundert zog der Ort mehr Pilger an als Rom oder Jerusalem.
Auch heute fasziniert der Jakobsweg abertausende Menschen. Der religiöse Bezug gerät dabei allerdings immer weiter in den Hintergrund.
Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund durch KI angepasst.


