Schlagwort: Geschichten

  • Tile Kolup – Der falsche Kaiser

    Tile Kolup – Der falsche Kaiser

    Eine Episode, an die Neuss nicht gerne erinnert werden will. Aus Köln mit Schimpf und Schande hinausgejagt, hielt der falsche Kaiser Friedrich II. monatelang in Neuss Hof. Waren die Neusser nur naiv oder steckt mehr dahinter?

    Die Vorgeschichte – Das Interregnum

    Nichts war so wie früher. Überall verlangten die Städte Zoll, Räuberbanden machten die Straßen unsicher. Längere Reisen und Warenhandel waren mühsam und gefährlich geworden. Chaos und Willkür herrschten überall. Was war los im Deutschen Reich?

    Angefangen hatte alles mit einem Streit des Stauferkaisers Friedrich II. mit Papst Innozenz um die politische Vorherrschaft. Der Papst exkommunizierte den Kaiser und ließ ihn 1245 in Lyon absetzen. Obwohl Friedrich II. in Italien unangefochten blieb, führte das in Deutschland dazu, dass sich hintereinander mehrere Gegenkönige um die Macht stritten. Diese waren oft nur Marionetten an den Fäden der Reichsfürsten, die ihrerseits ihre eigene Machtposition zu stärken versuchten. Die übergeordnete Reichsmacht verfiel zusehends.

    Friedrich II. starb 1250 im fernen Apulien. Mit ihm endete die Herrschaft der Staufer. Erst 1273 einigten sich die deutschen Fürsten auf Rudolf von Habsburg, mit dem die Herrschaft der Habsburger begann. Die Probleme waren jedoch noch lange nicht gelöst und das gemeine Volk bekam von der hohen Politik ohnehin nicht viel mit.

    Nur unter diesen Umständen scheint möglich, was dann passierte.

    Kaiser Friedrich II. ist wieder da!

    Ein fast achtzigjähriger vollbärtiger Greis zieht 1284 in Köln über die Märkte und behauptet von sich, er sei der seit 30 Jahren verschollene Kaiser Friedrich II. Er sei des Regierens müde gewesen und nach Jerusalem gepilgert. Dort sei er eingekerkert und erst nach 30 Jahren freigelassen worden. Nun sei er zurück und beanspruche wieder den Thron.

    So redegewandt er auch war, die Kölner hielten ihn für einen Scharlatan und jagten ihn am Ende in Jauche getaucht aus der Stadt. Nachdem er in Köln eine Niete gezogen hatte, versuchte er es im Herbst des selben Jahres rheinaufwärts in Neuss.

    Jetzt passierte das erstaunliche. Die Neusser rollten ihm den roten Teppich aus und ermöglichten ihm in der Stadt eine Hofhaltung zu etablieren, die eines echten Kaisers würdig war. Der Greis wusste viele Details aus dem Leben des verschollenen Kaisers, er führte ein kaiserliches Siegel mit sich, trat selbstbewusst auf und verhielt sich durch und durch wie ein Kaiser. Am erstaunlichsten war aber, dass er keineswegs mittellos schien. So lud er Adlige und Neusser Bürger oft und gern zu Festessen und Trinkgelagen in die Gasthäuser der Stadt ein und war auch ansonsten nicht knausrig.

    Ungeachtet der unrühmlichen Vorgänge in Köln zog die Hofhaltung des wiedergekehrten Kaisers viele Schaulustige aus dem ganzen Reich, ja sogar aus Italien an. Selbst Adlige versuchten mit seiner Hilfe verlorene Privilegien wiederzuerlangen. Das Treiben spülte nicht unerhebliche Gelder in die Stadt. Dem Stadtrat schien das so zu gefallen, dass er selbst freigiebig zur Hofhaltung des vermeintlichen Kaisers beitrug.

    Das Spiel fing im Frühjahr des Jahres 1285 an zu kippen. Der Versuch, den Grafen Florenz V. von Holland auf Linie zu bringen, ging gehörig schief. Dieser verspottete den Scharlatan in Neuss und dachte gar nicht daran, sich im unterzuordnen.

    Kurz darauf verlangte der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg von den Neussern vor dem Stadttor die Auslieferung des Scharlatans. Die Neusser weigerten sich. Siegfried hätte militärische Gewalt anwenden können, vermied das jedoch und wartete ab.

    Die letzte Herausforderung

    Nach den 20 Jahren Interregnum hatte König Rudolf von Habsburg viel zu tun, um seine Macht zu stärken und die Ordnung im Reich wiederherzustellen. Er führte überwiegend im Süden Krieg, verlangte aber von allen Städten im Reich Steuern in Höhe eines dreißigsten Pfennig (3,33%) auf ihr gesamtes Vermögen, um seine Feldzüge zu finanzieren.

    Verständlicherweise gefiel das nicht allen, so dass sich einige Städte, darunter auch Wetzlar, gegen die Steuern wehrten. Um dem Aufstand den Anschein der Rechtmäßigkeit zu geben, liefen sie in das Lager des falschen Kaisers über. Dieser zog tatsächlich im Juni 1285 nach Wetzlar und forderte Rudolf von Habsburg offen heraus.

    Das Spiel ist aus!

    Bisher schenkte Rudolf dem Treiben des alten Mannes, der sich für Friedrich II. ausgab, wenig Beachtung. Aber durch den Aufstand der Städte und die offene Herausforderung sah er sich nun zum Handeln genötigt. Anfang Juli 1285 stand er mit seinem Heer vor Wetzlar und verlangte die Auslieferung des Scharlatans.

    Nach einigem Hin und Her, bei dem der selbstbewusste alte Mann zunächst sogar erfahrene Adlige von seiner Geschichte überzeugen konnte, lieferten ihn die Wetzlarer schließlich an Rudolf aus.

    Erst unter Folter gestand der falsche Friedrich in Wahrheit ein friesischer Bauernsohn zu sein und Tile Kolup zu heißen. Er habe in jungen Jahren unter Kaiser Friedrich gedient und dort seine speziellen Kenntnisse über den Hof und die Kriegszüge des echten Kaisers erlangt.

    Das Urteil erging schnell und war hart. Am 7. Juli 1285 wurde er vor den Toren von Wetzlar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Spiel war aus.

    Nochmal kurz zurück. Neuss stand unter der Regentschaft des Erzbischofs von Köln, Siegfried von Westerburg. Siegfried war zwar von König Rudolf als Erzbischof eingesetzt worden, geriet aber schnell mit diesem in Streit um die Erhebung von Steuern und die Freiheit von Reichsorten.

    Manche Historiker vermuten, dass Siegfried insgeheim den falschen Kaiser unterstützte um Rudolf zu schwächen, ja vielleicht sogar dessen Absetzung herbeizuführen. Möglicherweise sponserte Siegfried anfangs die Scharade.

    Später jedenfalls war das nicht mehr nötig. Einmal in Schwung gekommen, unterhielt sich das Schauspiel von selbst. Beispielsweise zahlten die jüdischen Gemeinden dem falschen Kaiser Abgaben, um sich vor der Verfolgung durch die Kirche schützen zu lassen. Auch die verbliebenen Verwandten des letzten Stauferkaisers erkannten ihn, vielleicht aus Hoffnung auf ein Comeback, an und statteten seine Gesandten mit reichen Gaben aus.

    Tile Kolup selbst hat trotz Folter nie preisgegeben, woher seine Geldmittel stammten.

    Dass Siegfried viele Intrigen spann, ist historisch belegt. Beispielsweise hatte er sich den Bischofssitz zu Köln sichern können, obwohl er bei seiner Wahl durch das Domkapitel nur eine einzige Stimme erhalten hatte.

    So ist es sehr wahrscheinlich, dass er sich die Hände gerieben hat, während Neuss sich immer tiefer in Mitschuld verstrickte. Er wusste, dass Neuss irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen würde und er seine Rechte als Landesherr gegenüber der selbstbewussten Stadt deutlich ausweiten könnte.

    Mit dem harten Urteil gegen den Betrüger schien auch das Schicksal von Neuss besiegelt. Der König verfügte, dass die Neusser als Unterstützer der Betrügereien mit der selben Strafe zu belegen seien, wie der Betrüger. Er überließ es aber dem Erzbischof, ob der Stadt tatsächlich alle Rechte und Freiheiten entzogen werden.

    Am Ende hatte Neuss unverschämt viel Glück. Siegfried war zu dieser Zeit intensiv in den Limburger Erbfolgestreit mit den Grafen von Berg verstrickt. Der Streit gipfelte 1288 in der Schlacht von Worringen. Siegfried war auf die militärischen Kräfte von Neuss angewiesen. Anstatt die Stadt hart zu bestrafen, bestätigte er ihr noch im September 1285 alle Privilegien, die sein Vor-Vorgänger ihr erteilt hatte.

    Vielleicht, aber auch nur vielleicht, wollte er Neuss auch deshalb nicht hart bestrafen, weil er an der ganzen Situation nicht unschuldig war und Neuss in sein Intrigenspiel hineingezogen hatte.

    Siegfried hatte die Nachsicht gegenüber Neuss übrigens nichts genutzt. Die Schlacht von Worringen hat er krachend verloren.

    Beitragsbild: Victor Meyer, Königsberg 1868 -Tile Kolup (der falsche Friedrich) und die Wiederkunft eines ächten Friedrich, Kaisers der Deutschen“.
    Dargestellt wird die Verbrennung des Hochstaplers im Kaisergrund von Wetzlar.

  • St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    St. Jakobus – Ein Pilger in Neuss

    Ein Mann schreitet energisch über den Freithof. Pilgerstab und Trinkkalebasse in der einen, ein Evangeliar in der anderen Hand. Der Mantel bauscht sich auf. Er scheint es eilig zu haben. Wer ist das und wieso steht er an so einem prominenten Ort in Neuss?

    Fast jeder erkennt die Jakobsmuschel. Sie befindet sich nicht nur an der Hutkrempe der Figur und auf dem Sockel, sondern in ganz Europa an unzähligen Wegzeichen. Ganz offensichtlich handelt es sich also um einen Pilger. Dieser Pilger ist aber jemand besonderes. Das Evangeliar in seiner rechten Hand gibt uns den entscheidenden letzten Hinweis. Es ist der hl. Jakobus der Ältere, einer der zwölf Apostel, Patron Spaniens und einer der bekanntesten Heiligen weltweit.

    Die Person des hl. Jakobus

    Über den hl. Jakobus umranken sich viele Legenden. Sicher ist, dass er zunächst als der erste christliche Märtyrer verehrt wurde und ab dem späten 9. Jahrhundert als Nationalheiliger des katholischen Spaniens mehr und mehr eine kriegerische Funktion als Unterstützer im Krieg gegen die Mauren erfüllte.

    So wurde St. Jakobus nicht nur der Schutzpatron Spaniens und der Pilger, sondern auch der Schutzpatron der Krieger, Kettenschmiede, sowie der Apotheker und Drogisten. Er wird daher wahlweise mal als frommer Pilger oder galoppierender Ritter in Rüstung dargestellt.

    Die Verbindung mit Neuss

    St. Jakobus ist nicht nur Patron der Pilger, sondern auch Schutzpatron der Neusser Scheibenschützen.

    Die Neusser Scheibenschützengesellschaft von 1415 e.V. sieht sich in der Tradition der St. Sebastianus Bruderschaft, der ältesten Bruderschaft in Neuss. Die St. Sebastianus Bruderschaft musste 1794 unter der Herrschaft Napoleons ihre Tätigkeit einstellen, wurde jedoch nie förmlich aufgelöst. Am 22. März 1804 lebte sie nach einer gründlichen Satzungsänderung wieder auf und wählte in Folge den Jakobustag am 25 Juli als Festtag und den hl. Jakobus als Schutzpatron.

    Neuss war im Mittelalter durch die Reliquienverehrung des hl. Quirinus ein wichtiges Pilgerziel. Viele dieser Pilger folgten den Jakobswegen, die von Norden kommend in Richtung Santiago de Compostela führten. Neuss lag an einer Kreuzung verschiedener Pilgerwege und war daher eng in dieses Wegenetz eingebunden.

    Die Neusser Scheibenschützen wollten mit der Stiftung des Denkmals sowohl ihren Schutzpatron ehren, als auch an die Bedeutung der Stadt Neuss als Pilgerzentrum im Mittelalter erinnern.

    Der Künstler und das Werk

    Erschaffen hat diese lebensgroße Plastik der 2025 verstorbene Bert Gerresheim. Gerresheim studierte zusammen mit Günther Uecker an der Düsseldorfer Kunstakademie und beschäftigte sich seit den 1980er Jahren intensiv mit christlicher Kunst. Viele seiner Skulpturen und Plastiken stehen in Kirchen und im öffentlichen Raum, die meisten davon im Rheinland.

    Als Bert Gerresheim 2005 von Dr. Hermann Josef Kallen, dem damaligen Oberschützenmeister der Scheibenschützen, kontaktiert wurde, war dieser nicht schwer zu überzeugen. Er hatte nämlich schon einige Zeit vorher ein Bronzemodell des Apostel Jakobus gestaltet, nachdem er im Jahr 2000 in die internationale Erzbruderschaft des hl. Jakobus an der Kathedrale von Santiago de Compostela aufgenommen wurde. Die Idee für das Werk war also bereits da, der Auftrag aus Spanien wurde aber zum Glück für Neuss nie realisiert.

    Gerresheim veränderte den ursprünglich eher verhaltenen Entwurf in eine dynamisch schreitende Figur. Dies sollte nicht nur eine Anspielung auf den langen Pilgerweg, sondern auch als Metapher für den Lebensweg eines jeden Menschen sein. Ein sichtbarer Schnitt, der die Figur durchzieht, symbolisiert die Verwundbarkeit und Gespaltenheit der menschlichen Existenz auf ihrem Lebensweg. Im Sockel trennt der Schnitt den durch Sterne gekennzeichneten himmlischen Pilgerweg von dem durch Pilgermuscheln versinnbildlichten irdischen Pilgerweg.

    Realisiert wurde die ca. 800 kg schwere Bronzefigur im Wachsausschmelzverfahren in der Düsseldorfer Kunstgiesserei Schmäke. Sie wurde am 25 Juli 2007, dem Patronatstag der Neusser Scheibenschützen, feierlich eingeweiht.

    Nun ja, wirklich „geheim“ ist es nicht, sonst würde es ja nicht hier stehen. Es ist aber dennoch nicht jedem bekannt.

    Bert Gerresheim hatte einen engen Mitarbeiter, Francisco Ces Hernandez, der gleichzeitig auch sein Lebensgefährte war. Wer bei der Einweihung dabei war oder heute Bilder von Francisco Ces Hernandez sieht, wird eine höchst bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gesicht des Jakobus feststellen.

    Gerresheim hatte der Figur nicht nur das Gesicht seines Lebensgefährten gegeben, Francisco Ces Hernandez war in der Werkstatt auch maßgeblich an der Erschaffung der Figur beteiligt.

    Einer der zahlreichen Legenden um den Heiligen ist die Gründungsgeschichte der heutigen Jakobusverehrung in Santiago de Compostela.

    In der Apostelgeschichte 12, 1-2 wird erzählt, dass König Herodes einige aus der Gemeinde der Anhänger Jesu in Jerusalem verhaften und misshandeln ließ. Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten.

    Zwei seiner Schüler entwendeten den Leichnam des Jakobus und legten ihn in ein ruderloses Boot. Von Engeln geleitet erreichte es nach langer Fahrt Nordspanien. Der Leichnam wurde entdeckt und in einen großen Stein gelegt. Dieser Stein verwandelte sich daraufhin in einen Sarkophag.

    Die Stelle des Jakobusgrabes geriet in Vergessenheit, bis er sich selbst im 9. Jahrhundert dem Eremiten Pelayo auf dem Compostela (span.: Sternenfeld) offenbarte. Im Jahr 813 wurde dort mit dem Bau der Kirche begonnen, in der am 25. Juli 816 die Gebeine des hl. Jakobus beigesetzt wurden.

    Der Ort Santiago (span.: heiliger Jakobus) de Compostela entwickelte sich in Folge zu einem der größten Wallfahrtszentren des Abendlandes. Bis ins 15. Jahrhundert zog der Ort mehr Pilger an als Rom oder Jerusalem.

    Auch heute fasziniert der Jakobsweg abertausende Menschen. Der religiöse Bezug gerät dabei allerdings immer weiter in den Hintergrund.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund durch KI angepasst.

  • Der Fetzer – Eine kriminelle Karriere

    Der Fetzer – Eine kriminelle Karriere

    Ein gerade 16 Jahre alter junger Mann beginnt 1794 in Neuss eine dunkle Karriere. Sie wird am 19. Februar 1803 in Köln auf dem Schafott enden. Er riss sich die Neusser Stadtkasse unter den Nagel, wurde geschnappt, im Windmühlenturm eingekerkert und konnte doch spektakulär fliehen.

    Die Geschichte des Fetzers

    Der Beginn einer kriminellen Karriere

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Deutsche Reich in über 300 Kleinstaaten zersplittert, zudem war das Rheinland von den französischen Revolutionstruppen besetzt. Die komplizierte politische Situation, die Kleinstaaterei sowie die schlechte Bezahlung der Polizei, machten es den Räubern in dieser Zeit leicht, sich nach einem Raubzug schnell über die nächste Grenze in Sicherheit zu bringen.

    Einer dieser Gauner war der gerade mal 16-jährige Mathias Weber, genannt „der Fetzer“. Der junge Mann hatte eine schwierige Kindheit hinter sich, war aber intelligent und sehr geschickt darin, unbemerkt das Gepäck von den Kutschen der reichen Kaufleute „herunterzufetzen“. Nach anderen Deutungen stammte der Beiname von seinem streitsüchtigen Charakter, seiner Grausamkeit oder seinem Kampfstil.

    Noch vor Beginn seiner kriminellen Karriere lernte er Lesen und Schreiben und den Umgang mit Gewehren. Neben seinen Schiesskünsten verfeinerte er später sein Talent, Schlösser von Türen und Truhen zu öffnen. Diese Fertigkeiten, sowie seine Gerissenheit und Tollkühnheit ließen ihn in der Gaunerhierarchie schnell zum Räuberhauptmann aufsteigen.

    Der Raub der Neusser Stadtkasse

    Die Bande des Fetzers hatte Stützpunkte in den Schänken der Neusser Nordstadt und führte von Neuss aus Raubzüge bis nach Holland im Westen und Koblenz im Süden aus. Aber die fetteste Beute, die es zu holen gab, befand sich direkt unter den Augen der Räuber im Neusser Rathaus. Es bedurfte schon eines besonders raffinierten Plans, um in die gut bewachte und gesicherte Schatzkammer einzubrechen.

    Der Fetzer hatte einen Plan und setzte diesen im September 1796 in die Tat um. Er und seine Bande erleichterten Neuss nicht nur um die Stadtkasse, sondern erbeutete auch das Stadtsilber und wertvolles Kircheninventar. Den Neussern schmerzte es emotional besonders, dass auch eine kostbare Figur des hl. Quirinus und eine silberne Weltkugel unter der Beute war.

    Verhaftung und spektakuläre Flucht

    Der Fetzer musste sich seiner Sache wohl allzu sicher gewesen sein und die Wut der Neusser Obrigkeit unterschätzt haben, jedenfalls wurde er nur einen Monat später in einem Wirtshaus von Soldaten gefasst. Ihn und seinen Kumpan Deutzer Michel sperrte man anschließend in den Windmühlenturm an der Stadtmauer ein.

    Das Verließ im Turm, der ein Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung war, galt als ausbruchssicher. Die Wärter hatten jedoch nicht mit der Kreativität des Fetzers gerechnet. Nachdem Wände, Boden und Türen keine Möglichkeit zur Flucht boten, gelang es den beiden durch die Decke in das Obergeschoss des Mühlenturms zu steigen. Von dort aus kletterten sie an einem Windmühlenflügel auf den Wehrgang herab. Unter Zuhilfenahme der Bespannung des Flügels aus Segeltuch und einem gewagten Sprung gelangten sie schließlich 7 Meter tiefer in den morastigen Mühlengraben und verschwanden in die Nacht.

    Mit diesem Coup machte sich der Fetzer erst recht einen Namen unter seinesgleichen. Nach dieser spektakulären Flucht trieb er mit seiner Bande weiter sein Unwesen, verlagerte seine Raubzüge jedoch mehr in den Süden, da ihm das Pflaster in Neuss jetzt doch zu heiß geworden war.

    Späte Aufklärung eines Mordes

    Erst bei seinen Verhören in Köln gestand der Fetzer seine Ehefrau 1798 vor den Augen seiner beiden Kinder erschlagen und anschließend heimlich begraben zu haben. Als Begründung gab er an, dass seine Frau den gemeinsamen Sohn häufig geschlagen habe. Als dies wieder einmal passierte, geriet er mit ihr in heftigen Streit und erschlug sie im Affekt.

    Sein Motiv ist sogar einigermaßen glaubhaft. Mathias Weber war zwar ein schwieriger Charakter, aber er fiel bei seinen Raubzügen nicht durch Mordlust auf. Seinen Sohn gab er nach der Tat bei einem befreundeten Hehler in Pflege. Um seine Tochter soll er sich noch auf dem Weg zum Schafott Sorgen gemacht haben.

    Der Postraub

    Einer seiner bekanntesten und erfolgreichsten Raubzüge nach dem Raub der Stadtkasse in Neuss war der Überfall auf den Köln-Elberfelder Postwagen 1799. Mit 20 Mann, rekrutiert aus verschiedenen Banden, erbeutete er dabei 13.000 Reichstaler. Je nach Berechnung betrug die Beute umgerechnet etwa 1,3 bis 2,5 Mil. Euro.

    Der Anfang vom Ende

    Den französischen Besatzern, die bisher eher halbherzig reagiert hatten, ging das mittlerweile entschieden zu weit. Sie erhöhten den Fahndungsdruck deutlich und ersuchten auch die Polizei in Hessen und Preußen um Amtshilfe. Er wurde mehrfach gefasst, konnte aber immer wieder fliehen. Schließlich wurde er in Frankfurt am Main verhaftet und nach Köln überstellt. Dort gestand er in vielen Verhören 181 gelungene und 122 misslungene Einbrüche und Überfälle. Er wurde zum Tode verurteilt und konnte sich diesmal seinem Schicksal nicht mehr durch Flucht entziehen.

    Am 19. Februar 1803 wurde der Fetzer, gerade 25 Jahre alt, auf dem Kölner Altenmarkt durch die Guillotine hingerichtet. Übrigens wurden weder die Stadtkasse noch die wertvollen Kirchengegenstände, die in Neuss geraubt wurden, jemals wiedergefunden.

    Hat er am Ende seines kurzen Lebens seine Taten bereut? Wir können es heute nicht mehr sagen, doch seine letzten Worte sind überliefert:

    „Ich habe den Tod verdient, meine Freunde, hundert Tode für einen. Ihr, die ihr auf bösem Wege seyd, spiegelt euch an meinem Ende ! Junge Leute ! flieht, flieht die Hurenhäuser. Eltern ! erzieht eure Kinder in Religion. Denkt an Gott. Möchte mein Blut das Letzte seyn, das so vergossen wird.“

    Tatsächlich war es die letzte öffentliche Hinrichtung in Köln und die letzte eines Räubers.

    Beitragsbild: Mathias Weber, Broschüre, Köln 19.02.1803, Holzschnitte; Kölnisches Stadtmuseum – Bibliothek