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  • Die Belagerung von Neuss 1474-1475

    Die Belagerung von Neuss 1474-1475

    Es ist eigentlich nur ein Streit um das Erzbistum Köln. Dennoch hat der Konflikt eine europäische Dimension. Und die kleine Stadt Neuss spielt wieder mal in der großen Geschichte eine entscheidende Rolle.

    Die Vorgeschichte

    Im März 1463 wählt das Domkapitel zu Köln Ruprecht von der Pfalz zum Erzbischof. Nachdem sein Vorgänger dem Erzbistum Köln einen Berg von Schulden hinterlassen hatte, wollte man diesmal auf Nummer sicher gehen. Mit Ruprecht glaubten sie einen würdigen Bischof und leichter zu kontrollierenden Fürsten gefunden zu haben. Anfangs geht das auch gut. Wie so oft im Leben gibt es aber einige Jahre später Streit um die Macht und wieder ums Geld, genauer um die Erhebung von Steuern.

    Der Streit eskaliert und das Domkapitel wählt den Bischof wieder ab und setzt den Domherren Hermann von Hessen als Administrator ein. Ruprecht lässt sich das natürlich nicht gefallen und bittet Karl den Kühnen, Herzog von Burgund um militärischen Beistand.

    Karl der Kühne verfolgt eigene Ziele. Sein burgundisches Reich ist riesig und erstreckt sich von der Mitte Frankreichs bis in die Niederlande. Allerdings ist es ein Flickenteppich. Karl würde gerne die Lücken schließen und strebt zudem insgeheim nach der Kaiserkrone. Er kommt Ruprecht also sehr gerne zu Hilfe.

    Die Lage spitzt sich zu

    Karl der Kühne verfügt zu dieser Zeit über die modernste und bestausgerüstete Streitmacht. Er macht sich also mit einem ca. 14.000 Mann umfassenden Heer von Maastricht aus auf den Weg und will Köln in die Knie zwingen. Bevor er jedoch Köln angreift, will er aus strategischen Gründen erst mal die potenziellen Gefahren in seinem Rücken beseitigen. Da ist diese kleine Stadt Neuss nördlich von Köln mit gerade mal 4.000 Einwohnern. Die sollte eigentlich mit solch einer Übermacht binnen Tagen zu nehmen sein.

    Der zum Administrator ernannte Hermann von Hessen erkennt die Gefahr und eilt mit 70 Rittern, 300 Reitern und 1.500 Fußsoldaten nach Neuss. Er kommt gerade noch rechtzeitig an und beginnt die Verteidigung der Stadt zu organisieren.

    Neuss ist zu dieser Zeit recht gut befestigt. Die Stadtmauer ist solide gebaut und mit fünf großen Toren und etlichen Türmen ausgestattet. Zudem ist fast die gesamte Stadt ringsum mit Wassergräben, kleinen Flüssen und einem Nebenarm des Rheins geschützt.

    Am 29. Juli 1474 erreichen die burgundischen Truppen Neuss und die Belagerung beginnt.

    Die Belagerung

    Die burgundische Belagerung ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Auf der Seite der Belagerer verfasst der Hofschreiber Jean Molinet Lobeshymnen auf seinen Herzog. Auf der Seite der Belagerten wird der in Neuss tätige Notar und Stadtschreiber Christian Wierstraet etwa ein Jahr später eine umfassende gereimte Chronik über den Hergang veröffentlichen.

    Überraschenderweise widersteht Neuss den ersten Angriffswellen und führt auch selbst erfolgreiche Ausfälle gegen die Belagerer aus. Während sich die Belagerung in die Länge zieht, hält Karl der Kühne vor der Stadt Hof. Sein Lager ist nicht nur militärisch gut befestigt, sondern ist mit einem eigenen Markt, allen möglichen Werkstätten und Verkaufsständen sowie Plätzen zur Zerstreuung selbst eine Kleinstadt.

    Insgesamt 10 Monate dauert die Belagerung. Für das kleine Neuss wird die Luft dünn. Die vielen Angriffe fordern einen hohen Blutzoll. Der Beschuss der Stadt führt zu enormen Schäden und auch die Lebensmittelvorräte werden langsam knapp. Die Bürger verlässt schon fast der Mut.

    Während einer besonders kritischen Situation, bei der sich viele Neusser versammeln und ergeben wollen, lässt Hermann von Hessen die Alarmglocken läuten. Die Bürger eilen zu den Waffen und auf die Mauern. Die Versammlung endet, bevor sie richtig begann. Es gab in Wirklichkeit keinen Angriff. Hermann von Hessen hat die Situation mit einem Trick gerade noch mal in den Griff bekommen.

    Rettung naht – langsam

    Friedrich III., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ist über die Ambitionen Karls des Kühnen natürlich nicht erfreut. Nur ein Jahr vorher hatte er mit Karl dem Kühnen über eine Hochzeit zwischen dessen Tochter und seinem Sohn verhandelt. Nun setzte Karl ihn mächtig unter Druck. Gleich nach Beginn der Fehde beruft Friedrich III. den Reichstag ein und organisiert den Widerstand. Dabei ist er jedoch von seinen Kurfürsten und den Reichsstädten abhängig. Bis diese ihre Kontingente aufgestellt haben und zum Reichsheer stoßen, vergehen Monate.

    Friedrich III., seinerzeit als nicht sonderlich entscheidungsfreudig verschmäht, spielt auf Zeit. Er weiß, dass Karl umso mehr unter Druck gerät, je länger die Belagerung ohne Erfolg bleibt. Zudem gerät Karl in seinem Stammland Burgund in Schwierigkeiten. Der Waffenstillstand mit Frankreich läuft aus, der Herzog von Lothringen erklärt ihm den Krieg und der englische König verlangt von ihm die zugesicherte Bereitstellung von Truppen für einen Angriff auf Frankreich.

    Als die Neusser fast alle Hoffnung aufgegeben haben und in der Obertorkapelle um Gottes Beistand bitten, landet eine hohle Kanonenkugel mit einer Botschaft in der Stadt. Rettung naht, das Reichsheer kommt!

    Nachspiel und Belohnung

    Das Ende der Belagerung fordert nochmals einen Blutzoll. Zwischen dem Reichsheer und den Burgundern kommt es zu einer Schlacht am nahegelegenen Reckberg, bei der mindestens 2.000 Mann den Tod finden. Dennoch geht die Sache für alle Beteiligten am Ende erstaunlich glatt über die Bühne.

    Kaiser Friedrich III. war trotz der Umstände immer noch an der Verbindung zwischen seinem Sohn und der Tochter Karls des Kühnen interessiert. Er hatte daher auch kein Interesse an einer allzu schmachvollen Niederlage Karls des Kühnen. Die Burgunder mussten einige Bedingungen akzeptieren, jedoch keine Reparationszahlungen leisten. Am 9. Juni 1475 endete die Belagerung von Neuss. Karl der Kühne musste unverrichteter Dinge abziehen.

    Die Neusser hatten sich im gesamten Reich für ihre Tapferkeit hohe Achtung erworben. Kaiser Friedrich III. belohnte die Stadt mit erheblichen Privilegien. Für Ruhm und Ehre verlieh er der Stadt das Recht, fortan den kaiserlichen Adler im Wappen zu tragen. Wirtschaftlich bedeutender waren die Vorrechte einer Hansestadt, das Recht, eigene Münzen zu prägen und diverse Zollfreiheiten. Das war allerdings auch bitter nötig, da die Stadt am Boden lag. Es sollte mehr als 40 Jahre dauern, bis die Stadt alle Kriegsanleihen getilgt hatte.

    Hermann von Hessen erwarb sich ebenfalls großen Ruhm als Verteidiger des Reiches und wurde vom Kaiser in seiner Rolle als Administrator des Kölner Stiftes und Erzbistums bestätigt. Es sollte allerdings noch bis 1480 dauern, bis er nach dem Tod Ruprechts von der Pfalz offiziell zum Kölner Erzbischof gewählt wurde.

    Und auch die Hochzeit zwischen Maria von Burgund, Tochter Karls des Kühnen und Maximilian I., Sohn Friedrichs III. fand 1477 tatsächlich statt. Sie hielt allerdings nicht lange, da Maria fünf Jahre später bei einem Reitunfall ums Leben kam.

    Der erfolgreiche Widerstand gegen die burgundische Belagerung hatte einen erstaunlichen Nebeneffekt. Die Neusser schrieben ihren Sieg zu einem großen Teil ihrem Stadtpatron, dem hl. Quirinus zu.

    Die burgundischen Soldaten waren davon ebenfalls mächtig beeindruckt. Mehr als 4.000 sollen sich vor ihrem Abzug noch den Quirinussegen im Münster geholt haben – sicher ist sicher. Die Soldaten trugen die Kunde in ihre Heimatländer Frankreich, Italien, England und die Niederlande und verbreiteten so den Ruhm des Schutzpatrons von Neuss.

    Der danach wieder verstärkt einsetzende Pilgerstrom hat der Stadt sicher auch geholfen, die enormen Kriegsschäden im Laufe der Jahrzehnte zu überwinden.

    Beitragsbild: Das Lager Karls des Kühnen bei der Belagerung von Neuss 1475; Adriaen Van den Houte, 1562

  • St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    Nur 8 Jahre bevor Benjamin Franklin erstmals über seine Entdeckung der elektrischen Natur der Blitze schrieb, wurde das Quirinusmünster durch einen Blitzschlag massiv getroffen. Es war nicht der erste Blitzschlag, aber dieser im Jahre 1741 veränderte das Bild der Kirche mehr als alle anderen. Es waren aber nicht nur Naturgewalten, auch der Mensch hat der Kirche in den Jahrhunderten arg zugesetzt.

    Blitzschläge, Stürme und Brände

    Der erste vermeldete Blitzschlag mit schweren Schäden schlug im Juli 1496 ein. Damals wurde der Westturm getroffen und der Dachstuhl geriet in Brand. Schon 1513 erwischte es die Kirche erneut. Diesmal riss ein Orkan gleich das gesamte Dach des Vierungsturms ab und schleuderte es kurz vor Mitternacht auf die benachbarten Stiftsgebäude. Unglücklicherweise wurde der Gebäudeteil mit den Schlafräumen getroffen. Vier Stiftsdamen, eine Kammermagd und ein Küchenjunge erlebten den Morgen nicht mehr.

    Die nächste Katastrophe wurde von Menschen verursacht. Als Neuss 1585 in den Strudel der Truchsessischen Wirren geriet, wurde die Stadt und die Kirche geplündert. Der Hochaltar, der wertvolle Quirinusschrein, Statuen, Gemälde und liturgisches Gerät wurden zerstört oder geraubt. Das war schon schlimm genug aber es kam noch schlimmer.

    1586 wurde Neuss durch die Flandrische Armee unter Herzog Alessandro Farnese zurückerobert. Dabei kam es zu brutalen Massenmorden, Plünderungen und Brandschatzungen durch die italienischen und spanischen Söldner. Ob absichtlich oder nur durch unglückliche Umstände entstand aus einem Feuer in der Nähe des Rheintors der größte Stadtbrand der Neusser Geschichte. Nachdem alle Brände gelöscht waren, lag fast die gesamte Stadt in Trümmern und auch das Quirinusmünster war schwer beschädigt.

    Nach weiteren Blitzschlägen 1667, 1697 und 1720 erwischte es die Kirche am 6. Februar 1741 erneut. Der Brand dauerte 24 Stunden und hinterließ Turm und Kirchenschiff stark zerstört. Es war dieses Ereignis und die klammen Kassen der Stadt und des Erzbistums, die diesmal eine Änderung bewirkten, die bis heute zu sehen ist.

    Auf dem nachfolgenden Ausschnitt ist die Kirche zu sehen, wie sie bis 1741 aussah. Es ist kein Wunder, dass die zwei hohen Türme, die höchsten Türme in Neuss und in der gesamten Umgebung, Blitze wie ein Magnet anzogen.

    Nach der Katastrophe wurde die Kirche zwar wieder aufgebaut, jedoch erhielt der Westturm anstelle der steil aufragenden Spitze nun einen niedrigen pyramidenförmigen Dachabschluss. Der Ostturm wurde gar nicht mehr mit einer Spitze versehen, sondern bekam ein barockes kuppelförmiges Dach. Auf die Kuppel setzte man dann die Statue des hl. Quirinus. Für letztere gab man damals übrigens 740 Reichstaler aus. Diese gravierende Änderung wurde ungeachtet späterer Zerstörungen und Wiederaufbauten bis heute beibehalten.

    Getreidelager und Pferdestall

    Die Zeit der französischen Besatzung der Rheinlande ging auch am Quirinusmünster nicht spurlos vorbei. Als 1794 die französische Revolutionsarmee in Neuss einrückte, brach eine neue Zeitrechnung an. Die Stiftsgebäude wurden als Soltatenquartiere genutzt. Die Kirche diente als Getreide- oder Fruchtlager und zeitweise sogar als Pferdestall. Dass dennoch weiterhin Gottesdienste in der Krypta abgehalten wurden, darf dabei fast als kleines Wunder gelten.

    1851 endete die Zeit der Franzosen im Rheinland und die Preußen übernahmen das Ruder. 1833 besuchte der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm von Preußen Neuss. Die Neusser legten sich mächtig ins Zeug und auch das Quirinusmünster wusste mit seiner eigentümlichen Architektur den Kronprinzen zu überzeugen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche Zug um Zug restauriert und reich ausgeschmückt.

    Und wieder von vorn: Zerstörung und Wideraufbau

    Noch kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 stand der Dachstuhl des Westturms erneut in Brand. Unter anderem wurde das komplette Geläut dabei vernichtet. Insgesamt hielten sich die Schäden im ersten Weltkrieg aber in Grenzen.

    Der zweite Weltkrieg war weniger gnädig. Auch wenn die Kirche in den ersten Kriegsjahren trotz insgesamt 136 Luftangriffen wenig Schäden erlitt, änderte sich das am 5. Januar 1944 um zwölf Uhr Mittags. Amerikanische Bomber entluden ihre Bombenlast über dem Hafen und der Stadt. Eine Sprengbombe riss das Münster auf wie eine Konservendose. Die komplette Ostapsis stürzte ein und öffnete das Kirchenschiff wie eine überdimensionierte Garage. Wie durch ein Wunder blieb die Kuppel mit dem Standbild des hl. Quirinus unversehrt. Offensichtlich waren die 740 Reichstaler zweihundert Jahre zuvor gut angelegt.

    Doch auch diese Katastrophe überstand des Münster und wurde in den Jahren nach dem Krieg relativ schnell wieder aufgebaut. Zunächst improvisierte man jedoch und zog eine hölzerne Absperrwand im Kirchenschiff und eine Sicherheitsdecke unter dem Gewölbe ein. Bereits im Dezember 1945 konnten die Neusser so ihren Weihnachtsgottesdienst wieder in ihrer geliebten Münsterkirche feiern – auch wenn es zweifellos eher wie ein Ruine aussah als eine prächtige Kirche.

    Die Basilica minor

    In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche mehrfach restauriert und steht heute als unverkennbares Wahrzeichen der Stadt Neuss stolz über der Stadt. Als – vorerst – krönender Abschluss wurde die ehrwürdige Kirche am 6. Oktober 2009 von Papst Benedikt XVI. zur Basilica minor erhoben. Der Ehrentitel unterstreicht die Bedeutung dieser Kirche für Neuss und das Umland.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund KI-generiert
    Bild im Text: Ausschnitt aus Stadtansicht von Neuss aus Braun und Hogenberg 1590

  • Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    In dieser Geschichte geht es um einen Heiligen, einen Papst, eine Äbtissin und eine größere Kirche. Es geht um den Glauben an göttlichen Beistand und die Fürsprache der Heiligen. Es geht aber auch um Ruhm, Ehre, Macht und klassische Vermarktung.

    Die Geschichte

    Um 950 wurde in Neuss durch die Stiftung einer reichen adligen Familie ein Benediktinerinnenkloster errichtet. Etwa hundert Jahre später stand diesem Kloster die Äbtissin Gepa vor.

    Gepa von Neuss war die Schwester von Papst Leo IX. Durch diese familiäre Verbindung und vom gemeinsamen Wunsch nach Stärkung des christlichen Glaubens getrieben, schenkte Papst Leo IX. seiner Schwester die Reliquien des hl. Quirinus, einer der bedeutendsten frühchristlichen Märtyrer.

    Genau am 30. April 1050 traf Gepa mit den Gebeinen des hl. Quirinus im Gepäck per Schiff aus Rom in Neuss ein. Selbstverständlich wurde das nicht nur in Neuss gebührend gefeiert, sondern auch im gesamten Rheinland proklamiert. Auch heute noch ist der 30. April der Tag des Patroziniums.

    Die Protagonisten

    Der Heilige

    Über den hl. Quirinus und seine Geschichte gibt es einen eigenen Beitrag. Den könnt ihn hier lesen.

    Die Äbtissin

    Gepa von Neuss stand einem angesehen Kloster vor. Sie war zweifellos nicht nur wohlhabend, sondern über familiäre Verbindungen auch gut vernetzt. Ihr Bruder war erst Bischof von Toul, später dann sogar Papst. Über Ecken war sie sogar mit dem Kaiser verwandt. Es ist also glaubhaft, dass ihr die Bitte nach einer wichtigen christlichen Reliquie zur Stärkung des Glaubens in Neuss erfüllt wurde.

    Der Papst

    Papst Leo IX. war der erste und bedeutendste der fünf „deutschen“ Päpste. er stammte aus einer oberelsässischen Grafenfamilie, die mit dem deutschen Kaiser Heinrich III. verwandt war. Bereits mit 24 Jahren wurde er Bischof von Toul. 1048 wurde er auf dem Reichstag zu Worms zum Papst ernannt. Da er sich jedoch als „Bischof von Rom“ noch die Legitimation des römischen Klerus und Volkes wünschte, nahm er erst im folgenden Jahr die Papstwürde an.

    Leo IX. war ein Reformer und bereiste häufig die Reichsteile nördlich der Alpen. Er festigte die Position des Papstes und seine Macht unter anderem dadurch, dass er den Menschen als Mann des Volkes gegenübertrat.

    Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass er der Bitte seiner Schwester nachgekommen ist, den Glauben der Menschen in der Stadt Neuss mit den Reliquien des hl. Quirinus zu festigen.

    Die Klosterkirche

    Im Jahre 1179 wurde das Benediktinerinnenkloster in ein Damenstift umgewandelt. Der Unterschied bestand im Wesentlichen darin, dass die Nonnen im Kloster deutlich striktere Regeln befolgen mussten, als die Stiftsdamen. Die Stiftsdamen verfügten darüber hinaus über eigenes Vermögen, eigene Wohnungen und konnten auch aus der Gemeinschaft wieder austreten. Beide Einrichtungen dienten jedoch dem gleichen Zweck, nämlich der Versorgung der unverheirateten weiblichen Familienmitglieder.

    Das Damenstift war in Neuss die wohlhabendste Klostergemeinschaft und verfügte auch über die größte Kirche. Doch mit der immer weiter zunehmenden Verehrung des hl. Quirinus wurde diese Kirche zu klein. So wurde 1209 mit dem Bau einer erheblich größeren Kirche, der Quirinus-Basilika begonnen.

    Ohne die Reliquien, den damit verbundenen Ruhm und den in Folge entstandenen Pilgerstrom, wäre ein Neubau sicher nicht notwendig gewesen.

    So schön die Geschichte klingt, so falsch ist sie leider auch. Eine Verehrung des hl. Quirinus fand jedenfalls schon deutlich früher, mindestens seit 1021 in Neuss statt. Und ob Gepa und Leo wirklich Geschwister waren, ist zumindest zweifelhaft. Viel spannender ist, dass die Geschichte in dieser Form überhaupt erst im 15. und 16. Jahrhundert erzählt wurde.

    Eines ist sicher, die Reliquien zogen im Mittelalter wie ein Magnet Millionen von Pilgern an. Es wurde fleißig mit Reliquien gehandelt und gerne auch mal betrogen. Reliquien fokussierten den Glauben. Für die damaligen Menschen, die in der Mehrheit weder lesen noch schreiben konnten, wurde ihre Religion in den bebilderten Heiligengeschichten und Reliquien begreifbar.

    Wenn diese Geschichten auserzählt waren, wurden oft neue Legenden erfunden. Im Volk gab es niemand, der den Wahrheitsgehalt hätte prüfen können. Es war im Grunde auch egal, Hauptsache die Geschichten waren schön. Es ging zwar alles viel langsamer als heute, aber die Mechanismen zur Aufmerksamkeitserregung konnte man auch damals bereits beobachten.

    Nur wenig später als in Neuss, im Jahr 1164, „schenkte“ Kaiser Barbarossa seinem Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der heiligen drei Könige. Dass diese eigentlich zwei Jahre vorher aus Mailand geraubt wurden, wo sie seit dem 4. Jahrhundert aufbewahrt wurden, ist offensichtlich irrelevant.

    Auch hier wurde die Überführung der Gebeine von Italien nach Köln ausführlich zelebriert. Heute würde man wohl sagen, marketingtechnisch nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. Und auch hier entstand anschließend ein bemerkenswerter Aufschwung durch die Pilgerströme, der ebenso wie in Neuss zum Bau einer neuen größeren Kirche, des Kölner Doms, führte.

  • St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    Die ikonische Kirche, im Oktober 2009 von Pabst Benedikt XVI. zur Basilika minor erhoben, ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt Neuss. Sie beherbergt die Reliquien des Stadtpatrons St. Quirinus und hat eine spannende Geschichte. Schauen wir mal rein.

    Der Standort

    Wie an anderer Stelle erwähnt, hat die Stadt Neuss römische Wurzeln. An der höchsten Stelle einer Erhebung nördlich des Legionslagers bildete sich eine Siedlung. Außerhalb dieser Siedlung, an der Stelle des heutigen Münsters, befand sich in der Spätantike ein Gräberfeld und eine römische Totenkapelle. Die Kirche steht also an einer Stelle, die seit fast 2000 Jahren religiös genutzt wurde.

    Die Vorläuferbauten

    Die kleine Totenkapelle, von den Römern „cella memoria“ genannt, wurde im 9. Jahrhundert durch eine dreischiffige Basilika ersetzt, als in Neuss ein Benediktinerinnenkloster errichtet wurde. Bereits etwas über 100 Jahre später wurde diese Kirche mit einer Krypta erweitert. Im frühen 12. Jahrhundert erfolgte dann erneut eine Erweiterung mit dem Ausbau der Krypta.

    Die Rahmenbedingungen

    Dem Thema „Pilgerfahrten“ wird noch der ein oder andere Beitrag gewidmet, denn da gibt es einiges zu erzählen. An dieser Stelle reicht es zunächst, zu verstehen, dass das Pilgern im frühen Mittelalter nicht nur weit verbreitet, sondern geradezu eine Massenerscheinung mit erstaunlich vielen Beteiligten war.

    Spätestens seit der Übertragung der Gebeine des hl. Quirinus 1050 von Rom nach Neuss durch die Äbtissin Gepa, war Neuss in die erste Reihe der Pilgerstätten am gesamten Niederrhein aufgestiegen.

    In Neuss kreuzten sich verschiedenen Pilgerwege in Nord-Süd und Ost-West-Richtung. Der stetig wachsende Pilgerstrom musste kanalisiert werden. Es mussten ausreichend Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten und vorgehalten werden. Für uns heute schwer vorstellbar, waren die Wallfahrtskirchen im Mittelalter nicht nur Orte der Andacht, sondern wurde auch als Unterkünfte für die Pilger genutzt. Pilger reisten oft in Gruppen und wollten in den besuchten Kirchen auch gemeinsam zu ihren jeweiligen Schutzpatronen beten.

    Man benötigte in Neuss zu Beginn des 13. Jahrhunderts also eine wirklich große Kirche. Sie sollte ein großes Kirchenschiff für die Gottesdienste haben, sollte in den Seitenkapellen Platz für viele Altäre bieten und sollte nicht zuletzt auf den Emporen Platz für übernachtende Pilger vorhalten. Und natürlich sollte die neu erbaute Kirche auch ein Statement zu Reichtum und Macht der Stadt Neuss sein.

    Tatsächlich gab es schon vor der legendenumwobenen „Translatio“ der Reliquien 1050 eine Verehrung des hl. Quirinus in Neuss. So wird z.B. in Quellen beschrieben, dass der Kölner Erzbischof Heribert 1021, kurz vor seinem Tod, die Stadt Neuss besuchte um zum hl. Quirinus zu beten.

    Die Geschichte von Äbtissin Gepa und ihrem Bruder Pabst Leo IX. wurde erst im 15. oder 16. Jahrhundert ersonnen. Aber die Geschichte ist so schön, dass wir sie weiter erzählen.

    Finanzierung und Bau der Basilika

    Dank des gut beschrifteten Grundsteins kennen wir das Datum der Grundsteinlegung genau. Es war der 9. Oktober 1209 an dem Meister Wolbero mit dem Bau der Kirche begann.

    Das Geld für den Bau kam einerseits vom Damenstift, das im 12. Jahrhundert aus dem vormaligen Benediktinerinnenkloster entstammte. Hier lebten damals bis zu 25 wohlhabende adlige Damen weitreichender Verwandtschaft und stattlichen Einkünften.

    Andererseits stammte wohl ein hoher Beitrag aus der Schatulle des ehemaligen Kölner Erzbischofs Adolf, der auch auf dem Grundstein erwähnt wird. Adolf machte 1204 den schweren politischen Fehler, den falschen Kandidaten für die deutsche Kaiserkrone zu unterstützen. Das führte postwendend 1205 zu seiner Exkommunikation und dem Verlust aller geistlichen Ämter. Adolf zog sich nach Neuss zurück, war aber aufgrund einer stattlichen Jahresrente weiterhin durchaus vermögend. Adolf starb 1220 in Neuss und hat den Bau der Kirche sicherlich genau verfolgt.

    Und schließlich gab es Geldmittel aus Spenden, Stiftungen und Erbschaften von Adligen und reichen Bürgern die vor allem mit dem Ziel gegeben wurden, sich angesichts des Todes wohlwollenden himmlischen Beistand zu sichern.

    Aufgrund der gut gefüllten Kasse und vielleicht auch einer guten Organisation an der Baustelle, konnte das Münster in einer Rekordzeit fertiggestellt werden. Wir kennen zwar leider das Einweihungsdatum nicht, es wird aber angenommen, dass die Kirche schon 1235 weitgehend errichtet war.

    Zum (nicht ganz ernst gemeinten) Vergleich: Der Bau des Kölner Doms begann 1248, nachdem die benachbarten Neusser mit einem beeindruckenden Bauwerk mächtig in Vorlage gegangen waren. Vollendet wurde der Kölner Dom erst 1880.

  • St. Quirinus

    St. Quirinus

    Er steht weithin sichtbar auf der Kuppel des Wahrzeichens von Neuss. Das Münster, übrigens eine Basilica Minor, ist nach im benannt. Er selbst ist Patron der Stadt Neuss. Die Rede ist von dem heiligen Quirinus. Wer war dieser Mann?

    Zunächst war er offensichtlich ein römischer Offizier, der stolz mit Helm, Lanze, Fahne und Wappenschild dargestellt wird. Aber wie wurde ein römischer Soldat ein Heiliger der katholischen Kirche?

    Die Geschichte

    Quirinus war in 2. Jahrhundert n.Chr. ein römischer Offizier, der mit der Bewachung gefangener hochrangiger Christen beauftragt war. Einer seiner Gefangenen war Papst Alexander I. Ein weiterer Gefangener war der zum christlichen Glauben bekehrte Präfekt der Stadt Rom namens Hermes.

    Quirinus verspottete Hermes, da er offensichtlich nichts von dem neuen Glauben an ein ewiges Leben nach dem Tod hielt. Sofern Hermes ihm aber einen Beweis für die Überlegenheit seines Glauben liefern könne, versprach er ebendiesen Glauben anzunehmen.

    Als Verantwortlicher für die Inhaftierten war er offensichtlich von seinen Sicherheitsmaßnahmen überzeugt. Wenn Hermes und Alexander sich trotz getrennter Zellen und doppelter Wachen beide gleichzeitig in einem Raum einfinden würden, wäre das wohl ein Beweis.

    Er staunte nicht schlecht, als Alexander, durch einen Engel Gottes geführt, im Raum des Hermes auftauchte. Aber so richtig überzeugt war er anscheinend noch nicht. Jetzt wird die Geschichte persönlich.

    Quirinus Tochter Balbina litt an einem Kropf und war schwer krank. Als guter Vater hätte Quirinus alles dafür getan, seine Tochter zu heilen. So versprach er Alexander, sich und seine Familie taufen zu lassen, wenn sie gesund werden würde. Alexander ließ sich die Ketten des Apostels Petrus ins Gefängnis bringen und berührte damit den Hals der Balbina. Daraufhin wurde Balbina gesund. Quirinus hatte keine Argumente mehr und ließ sich und seine Familie taufen.

    Da das Christentum damals von den Römern unter Kaiser Hadrian noch brutal bekämpft wurde, unterschrieb er damit sein Todesurteil. Er wurde gefoltert, entsagte aber seinem neuen Glauben nicht. Im Jahre 118 wurde er dann schließlich enthauptet und seine Gebeine in den Praetextus-Katakomben an der Via Appia in Rom beigesetzt.

    Sie landeten, wie wir an anderer Stelle sehen werden, dann später hier in Neuss. Seine Gebeine werden heute in einem prächtigen Reliquienschrein aus dem 19. Jahrhundert aufbewahrt. Der ursprüngliche Schrein wurde 1585 durch plündernde Truppen zerstört. Der zweite, einfacher ausgeführte Schrein steht heute im Clemens-Sels-Museum.

    Für die Gläubigen ist Quirinus der Schutzpatron unter anderem gegen Pest, Gicht, Viehseuchen und vor allem der Pferde. Im Mittelalter war das sehr gefragt, daher auch die Popularität des Heiligen. St. Quirinus war auch einer der vier heiligen Marschälle. Diese Heiligen des frühen Christentums wurden besonders im Rheinland verehrt und halfen als besonders herausgehobene Schutzheilige vor allem bei unerklärlichen Seuchen und Krankheiten. Neuss hat von dieser Verehrung sehr profitiert und wurde ein bedeutender Wallfahrtsort.

    Wie Die Reliquien des Hl. Quirinus nach Neuss gekommen sind und was das in Folge ausgelöst hat, ist eine andere Geschichte in diesem Blog.

    Wer wissen will, wie Neuss sich im Zuge der Quirinusverehrung entwickelt hat, liest weiter im Blog oder bucht eine Führung. Wir haben noch viel mehr Geschichten zur Geschichte.