Kategorie: Kirche

Hier geht es um Kirchen als Gebäude aber auch um die christliche Kirche als 2000-jährige Organisation.

  • St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    St. Quirinus – Zerstörungen und Wiederaufbau

    Nur 8 Jahre bevor Benjamin Franklin erstmals über seine Entdeckung der elektrischen Natur der Blitze schrieb, wurde das Quirinusmünster durch einen Blitzschlag massiv getroffen. Es war nicht der erste Blitzschlag, aber dieser im Jahre 1741 veränderte das Bild der Kirche mehr als alle anderen. Es waren aber nicht nur Naturgewalten, auch der Mensch hat der Kirche in den Jahrhunderten arg zugesetzt.

    Blitzschläge, Stürme und Brände

    Der erste vermeldete Blitzschlag mit schweren Schäden schlug im Juli 1496 ein. Damals wurde der Westturm getroffen und der Dachstuhl geriet in Brand. Schon 1513 erwischte es die Kirche erneut. Diesmal riss ein Orkan gleich das gesamte Dach des Vierungsturms ab und schleuderte es kurz vor Mitternacht auf die benachbarten Stiftsgebäude. Unglücklicherweise wurde der Gebäudeteil mit den Schlafräumen getroffen. Vier Stiftsdamen, eine Kammermagd und ein Küchenjunge erlebten den Morgen nicht mehr.

    Die nächste Katastrophe wurde von Menschen verursacht. Als Neuss 1585 in den Strudel der Truchsessischen Wirren geriet, wurde die Stadt und die Kirche geplündert. Der Hochaltar, der wertvolle Quirinusschrein, Statuen, Gemälde und liturgisches Gerät wurden zerstört oder geraubt. Das war schon schlimm genug aber es kam noch schlimmer.

    1586 wurde Neuss durch die Flandrische Armee unter Herzog Alessandro Farnese zurückerobert. Dabei kam es zu brutalen Massenmorden, Plünderungen und Brandschatzungen durch die italienischen und spanischen Söldner. Ob absichtlich oder nur durch unglückliche Umstände entstand aus einem Feuer in der Nähe des Rheintors der größte Stadtbrand der Neusser Geschichte. Nachdem alle Brände gelöscht waren, lag fast die gesamte Stadt in Trümmern und auch das Quirinusmünster war schwer beschädigt.

    Nach weiteren Blitzschlägen 1667, 1697 und 1720 erwischte es die Kirche am 6. Februar 1741 erneut. Der Brand dauerte 24 Stunden und hinterließ Turm und Kirchenschiff stark zerstört. Es war dieses Ereignis und die klammen Kassen der Stadt und des Erzbistums, die diesmal eine Änderung bewirkten, die bis heute zu sehen ist.

    Auf dem nachfolgenden Ausschnitt ist die Kirche zu sehen, wie sie bis 1741 aussah. Es ist kein Wunder, dass die zwei hohen Türme, die höchsten Türme in Neuss und in der gesamten Umgebung, Blitze wie ein Magnet anzogen.

    Nach der Katastrophe wurde die Kirche zwar wieder aufgebaut, jedoch erhielt der Westturm anstelle der steil aufragenden Spitze nun einen niedrigen pyramidenförmigen Dachabschluss. Der Ostturm wurde gar nicht mehr mit einer Spitze versehen, sondern bekam ein barockes kuppelförmiges Dach. Auf die Kuppel setzte man dann die Statue des hl. Quirinus. Für letztere gab man damals übrigens 740 Reichstaler aus. Diese gravierende Änderung wurde ungeachtet späterer Zerstörungen und Wiederaufbauten bis heute beibehalten.

    Getreidelager und Pferdestall

    Die Zeit der französischen Besatzung der Rheinlande ging auch am Quirinusmünster nicht spurlos vorbei. Als 1794 die französische Revolutionsarmee in Neuss einrückte, brach eine neue Zeitrechnung an. Die Stiftsgebäude wurden als Soltatenquartiere genutzt. Die Kirche diente als Getreide- oder Fruchtlager und zeitweise sogar als Pferdestall. Dass dennoch weiterhin Gottesdienste in der Krypta abgehalten wurden, darf dabei fast als kleines Wunder gelten.

    1851 endete die Zeit der Franzosen im Rheinland und die Preußen übernahmen das Ruder. 1833 besuchte der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm von Preußen Neuss. Die Neusser legten sich mächtig ins Zeug und auch das Quirinusmünster wusste mit seiner eigentümlichen Architektur den Kronprinzen zu überzeugen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche Zug um Zug restauriert und reich ausgeschmückt.

    Und wieder von vorn: Zerstörung und Wideraufbau

    Noch kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 stand der Dachstuhl des Westturms erneut in Brand. Unter anderem wurde das komplette Geläut dabei vernichtet. Insgesamt hielten sich die Schäden im ersten Weltkrieg aber in Grenzen.

    Der zweite Weltkrieg war weniger gnädig. Auch wenn die Kirche in den ersten Kriegsjahren trotz insgesamt 136 Luftangriffen wenig Schäden erlitt, änderte sich das am 5. Januar 1944 um zwölf Uhr Mittags. Amerikanische Bomber entluden ihre Bombenlast über dem Hafen und der Stadt. Eine Sprengbombe riss das Münster auf wie eine Konservendose. Die komplette Ostapsis stürzte ein und öffnete das Kirchenschiff wie eine überdimensionierte Garage. Wie durch ein Wunder blieb die Kuppel mit dem Standbild des hl. Quirinus unversehrt. Offensichtlich waren die 740 Reichstaler zweihundert Jahre zuvor gut angelegt.

    Doch auch diese Katastrophe überstand des Münster und wurde in den Jahren nach dem Krieg relativ schnell wieder aufgebaut. Zunächst improvisierte man jedoch und zog eine hölzerne Absperrwand im Kirchenschiff und eine Sicherheitsdecke unter dem Gewölbe ein. Bereits im Dezember 1945 konnten die Neusser so ihren Weihnachtsgottesdienst wieder in ihrer geliebten Münsterkirche feiern – auch wenn es zweifellos eher wie ein Ruine aussah als eine prächtige Kirche.

    Die Basilica minor

    In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kirche mehrfach restauriert und steht heute als unverkennbares Wahrzeichen der Stadt Neuss stolz über der Stadt. Als – vorerst – krönender Abschluss wurde die ehrwürdige Kirche am 6. Oktober 2009 von Papst Benedikt XVI. zur Basilica minor erhoben. Der Ehrentitel unterstreicht die Bedeutung dieser Kirche für Neuss und das Umland.

    Beitragsbild: Eigene Aufnahme, Hintergrund KI-generiert
    Bild im Text: Ausschnitt aus Stadtansicht von Neuss aus Braun und Hogenberg 1590

  • Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    Die Translation – St. Quirinus kommt nach Neuss

    In dieser Geschichte geht es um einen Heiligen, einen Papst, eine Äbtissin und eine größere Kirche. Es geht um den Glauben an göttlichen Beistand und die Fürsprache der Heiligen. Es geht aber auch um Ruhm, Ehre, Macht und klassische Vermarktung.

    Die Geschichte

    Um 950 wurde in Neuss durch die Stiftung einer reichen adligen Familie ein Benediktinerinnenkloster errichtet. Etwa hundert Jahre später stand diesem Kloster die Äbtissin Gepa vor.

    Gepa von Neuss war die Schwester von Papst Leo IX. Durch diese familiäre Verbindung und vom gemeinsamen Wunsch nach Stärkung des christlichen Glaubens getrieben, schenkte Papst Leo IX. seiner Schwester die Reliquien des hl. Quirinus, einer der bedeutendsten frühchristlichen Märtyrer.

    Genau am 30. April 1050 traf Gepa mit den Gebeinen des hl. Quirinus im Gepäck per Schiff aus Rom in Neuss ein. Selbstverständlich wurde das nicht nur in Neuss gebührend gefeiert, sondern auch im gesamten Rheinland proklamiert. Auch heute noch ist der 30. April der Tag des Patroziniums.

    Die Protagonisten

    Der Heilige

    Über den hl. Quirinus und seine Geschichte gibt es einen eigenen Beitrag. Den könnt ihn hier lesen.

    Die Äbtissin

    Gepa von Neuss stand einem angesehen Kloster vor. Sie war zweifellos nicht nur wohlhabend, sondern über familiäre Verbindungen auch gut vernetzt. Ihr Bruder war erst Bischof von Toul, später dann sogar Papst. Über Ecken war sie sogar mit dem Kaiser verwandt. Es ist also glaubhaft, dass ihr die Bitte nach einer wichtigen christlichen Reliquie zur Stärkung des Glaubens in Neuss erfüllt wurde.

    Der Papst

    Papst Leo IX. war der erste und bedeutendste der fünf „deutschen“ Päpste. er stammte aus einer oberelsässischen Grafenfamilie, die mit dem deutschen Kaiser Heinrich III. verwandt war. Bereits mit 24 Jahren wurde er Bischof von Toul. 1048 wurde er auf dem Reichstag zu Worms zum Papst ernannt. Da er sich jedoch als „Bischof von Rom“ noch die Legitimation des römischen Klerus und Volkes wünschte, nahm er erst im folgenden Jahr die Papstwürde an.

    Leo IX. war ein Reformer und bereiste häufig die Reichsteile nördlich der Alpen. Er festigte die Position des Papstes und seine Macht unter anderem dadurch, dass er den Menschen als Mann des Volkes gegenübertrat.

    Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass er der Bitte seiner Schwester nachgekommen ist, den Glauben der Menschen in der Stadt Neuss mit den Reliquien des hl. Quirinus zu festigen.

    Die Klosterkirche

    Im Jahre 1179 wurde das Benediktinerinnenkloster in ein Damenstift umgewandelt. Der Unterschied bestand im Wesentlichen darin, dass die Nonnen im Kloster deutlich striktere Regeln befolgen mussten, als die Stiftsdamen. Die Stiftsdamen verfügten darüber hinaus über eigenes Vermögen, eigene Wohnungen und konnten auch aus der Gemeinschaft wieder austreten. Beide Einrichtungen dienten jedoch dem gleichen Zweck, nämlich der Versorgung der unverheirateten weiblichen Familienmitglieder.

    Das Damenstift war in Neuss die wohlhabendste Klostergemeinschaft und verfügte auch über die größte Kirche. Doch mit der immer weiter zunehmenden Verehrung des hl. Quirinus wurde diese Kirche zu klein. So wurde 1209 mit dem Bau einer erheblich größeren Kirche, der Quirinus-Basilika begonnen.

    Ohne die Reliquien, den damit verbundenen Ruhm und den in Folge entstandenen Pilgerstrom, wäre ein Neubau sicher nicht notwendig gewesen.

    So schön die Geschichte klingt, so falsch ist sie leider auch. Eine Verehrung des hl. Quirinus fand jedenfalls schon deutlich früher, mindestens seit 1021 in Neuss statt. Und ob Gepa und Leo wirklich Geschwister waren, ist zumindest zweifelhaft. Viel spannender ist, dass die Geschichte in dieser Form überhaupt erst im 15. und 16. Jahrhundert erzählt wurde.

    Eines ist sicher, die Reliquien zogen im Mittelalter wie ein Magnet Millionen von Pilgern an. Es wurde fleißig mit Reliquien gehandelt und gerne auch mal betrogen. Reliquien fokussierten den Glauben. Für die damaligen Menschen, die in der Mehrheit weder lesen noch schreiben konnten, wurde ihre Religion in den bebilderten Heiligengeschichten und Reliquien begreifbar.

    Wenn diese Geschichten auserzählt waren, wurden oft neue Legenden erfunden. Im Volk gab es niemand, der den Wahrheitsgehalt hätte prüfen können. Es war im Grunde auch egal, Hauptsache die Geschichten waren schön. Es ging zwar alles viel langsamer als heute, aber die Mechanismen zur Aufmerksamkeitserregung konnte man auch damals bereits beobachten.

    Nur wenig später als in Neuss, im Jahr 1164, „schenkte“ Kaiser Barbarossa seinem Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der heiligen drei Könige. Dass diese eigentlich zwei Jahre vorher aus Mailand geraubt wurden, wo sie seit dem 4. Jahrhundert aufbewahrt wurden, ist offensichtlich irrelevant.

    Auch hier wurde die Überführung der Gebeine von Italien nach Köln ausführlich zelebriert. Heute würde man wohl sagen, marketingtechnisch nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. Und auch hier entstand anschließend ein bemerkenswerter Aufschwung durch die Pilgerströme, der ebenso wie in Neuss zum Bau einer neuen größeren Kirche, des Kölner Doms, führte.

  • Zeughaus

    Zeughaus

    „Zeughaus“ ist schon ein merkwürdiger Name. Sieht das nicht wie eine Kirche aus? Allerdings fehlen die typischen religiösen Symbole wie z.B. Heiligenstatuen. Welche Geschichte hat dieses merkwürdige Gebäude?

    Klosterkirche

    Seit etwa 1620 war neben den Jesuiten der Orden der Franziskaner-Observanten in Neuss aktiv. Dieser Orden, der die Gebote des hl. Franziskus besonders streng befolgte, half den Jesuiten bei religiösen Aufgaben und hielt seine Gottesdienste in einem Seitenaltar des Quirinus-Münsters ab. Da der Orden einerseits im Münster nur geduldet wurde und andererseits Zulauf aus anderen Teilen Deutschlands erhielt, wollten die Oberen ein eigenes Kloster.

    Im Mai des Jahres 1632 erhielt der Orden vom Erzbischof in Köln die Erlaubnis, in Neuss ein eigenes Kloster einzurichten. Man sollte meinen, dass die Brüder danach sofort mit dem Bau begonnen hätten. Dem war aber nicht so, da der Stadtrat von Neuss dies ganz und gar nicht gut fand und das Projekt torpedierte, wo es nur ging.

    Der Stadtrat führte offiziell mehrere Argumente ins Feld:

    • Der von Almosen lebende Bettelorden könne sich auf Dauer gar nicht in der Stadt halten.
    • Es gäbe außer dem Quirinus-Stift mit fünf „Mannsklöstern“ und drei „Jungfrauenklöstern“ bereits mehr als genug geistliche Gemeinschaften in Neuss.
    • Der Bau eines weiteres Klosters im östlichen Teil der Stadt würde die Verteidigung erschweren, zumal bereits die Hälfte des Stadtgebietes aus „geistlichen Plätzen“ bestünde.
    • Ein Klosterbau würde in der engen Stadt den verfügbaren Platz für Bürgerhäuser, Werkstätten und Läden weiter einschränken.

    Sehr wahrscheinlich waren es überwiegend die wirtschaftlichen Gründe, die den Stadtrat damals bewegten. Die Klostergemeinschaften waren von der Steuer befreit. Händler und Handwerker hätten die Stadtkasse besser gefüllt.

    Nach weiteren jahrelangen Streitigkeiten, in deren Verlauf der Stadtrat sogar einmal die frisch gebauten Fundamente wieder einreißen ließ, wurde die Kirche 1639 fertiggestellt und 1640 geweiht. Die Brüder hatten ihren Traum von einer eigenen Kirche mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit endlich realisiert. Das Klostergebäude wurde übrigens erst 1655 fertig.

    Kanonen

    Im Zuge der Säkularisation mussten die Observanten das Kloster samt Kirche 1802 aufgeben. Die Stadt Neuss musste als neue Eigentümerin das Gebäude irgendwie sinnvoll nutzen, was anscheinend nicht so einfach war.

    Von 1826 an wurde das Gebäude dann 38 Jahre an die preußische Militärbehörde vermietet. Diese machte daraus ein Lager für Waffen und anderes militärisches Gerät. Im Soldatenjargon war das ein „Zeughaus„. Dieser Name setzte sich in den Köpfen der Neusser fest und blieb fortan bestehen.

    Kultur

    Wer heute auf dem Freithof in der Mitte der Altstadt steht, erkennt schnell, dass ein Lagergebäude hier völlig fehl am Platz wäre. Dennoch wurde es jahrzehntelang noch so genutzt und an Neusser Firmen vermietet. 1923 erkannten die Stadtoberen endlich das Potenzial und machten 1923/24 aus dem Gebäude einen Theater- und Festsaal.

    Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude, wie die Mehrheit der Gebäude in Neuss, stark zerstört und 1949 wieder aufgebaut. Nach mehreren Aus- und Umbauten im Laufe der Jahre erstrahlt das Zeughaus heute als moderne Veranstaltungsstätte für Konzerte, Feste, Tagungen und Versammlungen.

    Eine sympathische junge Kollegin meinte zu diesem Gebäude: Man muss sich eigentlich nur die Begriffe „Kloster“, „Kanonen“ und „Kultur“ merken, um die Geschichte des Gebäudes zu beschreiben. Das finden wir auch.

    Übrigens stand in der großen Nische über dem Eingangsportal entgegen anderslautender Gerüchte nie ein Schützenkönig, sondern eine Statue des hl. Franziskus.

    Die Gedenktafel links unten an der Westfassade ist dafür aber der erste dauerhaft sichtbare Hinweis auf die Bedeutung des Neusser Schützenwesens. Der Schützenkönig des Jahres 1972, Dr. Heinz Günther Hüsch, bemängelte, dass in der Stadt außerhalb der Zeit des Schützenfestes, nichts an dieses bedeutende Brauchtum erinnert. Es gab kein Denkmal, keinen Straßennamen, nichts. Also hat er die Gedenktafel als Königsgeschenk der Stadt und der Bürgerschaft hinterlassen.

    Seinem Beispiel sind in den späteren Jahren viele Schützenkönige gefolgt, so dass man zwischenzeitlich überall in der Innenstadt auf Zeugnisse des Schützenwesens trifft.

  • St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    St. Quirinus-Münster – Der Anfang

    Die ikonische Kirche, im Oktober 2009 von Pabst Benedikt XVI. zur Basilika minor erhoben, ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt Neuss. Sie beherbergt die Reliquien des Stadtpatrons St. Quirinus und hat eine spannende Geschichte. Schauen wir mal rein.

    Der Standort

    Wie an anderer Stelle erwähnt, hat die Stadt Neuss römische Wurzeln. An der höchsten Stelle einer Erhebung nördlich des Legionslagers bildete sich eine Siedlung. Außerhalb dieser Siedlung, an der Stelle des heutigen Münsters, befand sich in der Spätantike ein Gräberfeld und eine römische Totenkapelle. Die Kirche steht also an einer Stelle, die seit fast 2000 Jahren religiös genutzt wurde.

    Die Vorläuferbauten

    Die kleine Totenkapelle, von den Römern „cella memoria“ genannt, wurde im 9. Jahrhundert durch eine dreischiffige Basilika ersetzt, als in Neuss ein Benediktinerinnenkloster errichtet wurde. Bereits etwas über 100 Jahre später wurde diese Kirche mit einer Krypta erweitert. Im frühen 12. Jahrhundert erfolgte dann erneut eine Erweiterung mit dem Ausbau der Krypta.

    Die Rahmenbedingungen

    Dem Thema „Pilgerfahrten“ wird noch der ein oder andere Beitrag gewidmet, denn da gibt es einiges zu erzählen. An dieser Stelle reicht es zunächst, zu verstehen, dass das Pilgern im frühen Mittelalter nicht nur weit verbreitet, sondern geradezu eine Massenerscheinung mit erstaunlich vielen Beteiligten war.

    Spätestens seit der Übertragung der Gebeine des hl. Quirinus 1050 von Rom nach Neuss durch die Äbtissin Gepa, war Neuss in die erste Reihe der Pilgerstätten am gesamten Niederrhein aufgestiegen.

    In Neuss kreuzten sich verschiedenen Pilgerwege in Nord-Süd und Ost-West-Richtung. Der stetig wachsende Pilgerstrom musste kanalisiert werden. Es mussten ausreichend Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten und vorgehalten werden. Für uns heute schwer vorstellbar, waren die Wallfahrtskirchen im Mittelalter nicht nur Orte der Andacht, sondern wurde auch als Unterkünfte für die Pilger genutzt. Pilger reisten oft in Gruppen und wollten in den besuchten Kirchen auch gemeinsam zu ihren jeweiligen Schutzpatronen beten.

    Man benötigte in Neuss zu Beginn des 13. Jahrhunderts also eine wirklich große Kirche. Sie sollte ein großes Kirchenschiff für die Gottesdienste haben, sollte in den Seitenkapellen Platz für viele Altäre bieten und sollte nicht zuletzt auf den Emporen Platz für übernachtende Pilger vorhalten. Und natürlich sollte die neu erbaute Kirche auch ein Statement zu Reichtum und Macht der Stadt Neuss sein.

    Tatsächlich gab es schon vor der legendenumwobenen „Translatio“ der Reliquien 1050 eine Verehrung des hl. Quirinus in Neuss. So wird z.B. in Quellen beschrieben, dass der Kölner Erzbischof Heribert 1021, kurz vor seinem Tod, die Stadt Neuss besuchte um zum hl. Quirinus zu beten.

    Die Geschichte von Äbtissin Gepa und ihrem Bruder Pabst Leo IX. wurde erst im 15. oder 16. Jahrhundert ersonnen. Aber die Geschichte ist so schön, dass wir sie weiter erzählen.

    Finanzierung und Bau der Basilika

    Dank des gut beschrifteten Grundsteins kennen wir das Datum der Grundsteinlegung genau. Es war der 9. Oktober 1209 an dem Meister Wolbero mit dem Bau der Kirche begann.

    Das Geld für den Bau kam einerseits vom Damenstift, das im 12. Jahrhundert aus dem vormaligen Benediktinerinnenkloster entstammte. Hier lebten damals bis zu 25 wohlhabende adlige Damen weitreichender Verwandtschaft und stattlichen Einkünften.

    Andererseits stammte wohl ein hoher Beitrag aus der Schatulle des ehemaligen Kölner Erzbischofs Adolf, der auch auf dem Grundstein erwähnt wird. Adolf machte 1204 den schweren politischen Fehler, den falschen Kandidaten für die deutsche Kaiserkrone zu unterstützen. Das führte postwendend 1205 zu seiner Exkommunikation und dem Verlust aller geistlichen Ämter. Adolf zog sich nach Neuss zurück, war aber aufgrund einer stattlichen Jahresrente weiterhin durchaus vermögend. Adolf starb 1220 in Neuss und hat den Bau der Kirche sicherlich genau verfolgt.

    Und schließlich gab es Geldmittel aus Spenden, Stiftungen und Erbschaften von Adligen und reichen Bürgern die vor allem mit dem Ziel gegeben wurden, sich angesichts des Todes wohlwollenden himmlischen Beistand zu sichern.

    Aufgrund der gut gefüllten Kasse und vielleicht auch einer guten Organisation an der Baustelle, konnte das Münster in einer Rekordzeit fertiggestellt werden. Wir kennen zwar leider das Einweihungsdatum nicht, es wird aber angenommen, dass die Kirche schon 1235 weitgehend errichtet war.

    Zum (nicht ganz ernst gemeinten) Vergleich: Der Bau des Kölner Doms begann 1248, nachdem die benachbarten Neusser mit einem beeindruckenden Bauwerk mächtig in Vorlage gegangen waren. Vollendet wurde der Kölner Dom erst 1880.