Ein gerade 16 Jahre alter junger Mann beginnt 1794 in Neuss eine dunkle Karriere. Sie wird am 19. Februar 1803 in Köln auf dem Schafott enden. Er riss sich die Neusser Stadtkasse unter den Nagel, wurde geschnappt, im Windmühlenturm eingekerkert und konnte doch spektakulär fliehen.
Die Geschichte des Fetzers
Der Beginn einer kriminellen Karriere
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Deutsche Reich in über 300 Kleinstaaten zersplittert, zudem war das Rheinland von den französischen Revolutionstruppen besetzt. Die komplizierte politische Situation, die Kleinstaaterei sowie die schlechte Bezahlung der Polizei, machten es den Räubern in dieser Zeit leicht, sich nach einem Raubzug schnell über die nächste Grenze in Sicherheit zu bringen.
Einer dieser Gauner war der gerade mal 16-jährige Mathias Weber, genannt „der Fetzer“. Der junge Mann hatte eine schwierige Kindheit hinter sich, war aber intelligent und sehr geschickt darin, unbemerkt das Gepäck von den Kutschen der reichen Kaufleute „herunterzufetzen“. Nach anderen Deutungen stammte der Beiname von seinem streitsüchtigen Charakter, seiner Grausamkeit oder seinem Kampfstil.
Noch vor Beginn seiner kriminellen Karriere lernte er Lesen und Schreiben und den Umgang mit Gewehren. Neben seinen Schiesskünsten verfeinerte er später sein Talent, Schlösser von Türen und Truhen zu öffnen. Diese Fertigkeiten, sowie seine Gerissenheit und Tollkühnheit ließen ihn in der Gaunerhierarchie schnell zum Räuberhauptmann aufsteigen.
Der Raub der Neusser Stadtkasse
Die Bande des Fetzers hatte Stützpunkte in den Schänken der Neusser Nordstadt und führte von Neuss aus Raubzüge bis nach Holland im Westen und Koblenz im Süden aus. Aber die fetteste Beute, die es zu holen gab, befand sich direkt unter den Augen der Räuber im Neusser Rathaus. Es bedurfte schon eines besonders raffinierten Plans, um in die gut bewachte und gesicherte Schatzkammer einzubrechen.
Der Fetzer hatte einen Plan und setzte diesen im September 1796 in die Tat um. Er und seine Bande erleichterten Neuss nicht nur um die Stadtkasse, sondern erbeutete auch das Stadtsilber und wertvolles Kircheninventar. Den Neussern schmerzte es emotional besonders, dass auch eine kostbare Figur des hl. Quirinus und eine silberne Weltkugel unter der Beute war.
Verhaftung und spektakuläre Flucht
Der Fetzer musste sich seiner Sache wohl allzu sicher gewesen sein und die Wut der Neusser Obrigkeit unterschätzt haben, jedenfalls wurde er nur einen Monat später in einem Wirtshaus von Soldaten gefasst. Ihn und seinen Kumpan Deutzer Michel sperrte man anschließend in den Windmühlenturm an der Stadtmauer ein.
Das Verließ im Turm, der ein Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung war, galt als ausbruchssicher. Die Wärter hatten jedoch nicht mit der Kreativität des Fetzers gerechnet. Nachdem Wände, Boden und Türen keine Möglichkeit zur Flucht boten, gelang es den beiden durch die Decke in das Obergeschoss des Mühlenturms zu steigen. Von dort aus kletterten sie an einem Windmühlenflügel auf den Wehrgang herab. Unter Zuhilfenahme der Bespannung des Flügels aus Segeltuch und einem gewagten Sprung gelangten sie schließlich 7 Meter tiefer in den morastigen Mühlengraben und verschwanden in die Nacht.
Mit diesem Coup machte sich der Fetzer erst recht einen Namen unter seinesgleichen. Nach dieser spektakulären Flucht trieb er mit seiner Bande weiter sein Unwesen, verlagerte seine Raubzüge jedoch mehr in den Süden, da ihm das Pflaster in Neuss jetzt doch zu heiß geworden war.
Späte Aufklärung eines Mordes
Erst bei seinen Verhören in Köln gestand der Fetzer seine Ehefrau 1798 vor den Augen seiner beiden Kinder erschlagen und anschließend heimlich begraben zu haben. Als Begründung gab er an, dass seine Frau den gemeinsamen Sohn häufig geschlagen habe. Als dies wieder einmal passierte, geriet er mit ihr in heftigen Streit und erschlug sie im Affekt.
Sein Motiv ist sogar einigermaßen glaubhaft. Mathias Weber war zwar ein schwieriger Charakter, aber er fiel bei seinen Raubzügen nicht durch Mordlust auf. Seinen Sohn gab er nach der Tat bei einem befreundeten Hehler in Pflege. Um seine Tochter soll er sich noch auf dem Weg zum Schafott Sorgen gemacht haben.
Der Postraub
Einer seiner bekanntesten und erfolgreichsten Raubzüge nach dem Raub der Stadtkasse in Neuss war der Überfall auf den Köln-Elberfelder Postwagen 1799. Mit 20 Mann, rekrutiert aus verschiedenen Banden, erbeutete er dabei 13.000 Reichstaler. Je nach Berechnung betrug die Beute umgerechnet etwa 1,3 bis 2,5 Mil. Euro.
Der Anfang vom Ende
Den französischen Besatzern, die bisher eher halbherzig reagiert hatten, ging das mittlerweile entschieden zu weit. Sie erhöhten den Fahndungsdruck deutlich und ersuchten auch die Polizei in Hessen und Preußen um Amtshilfe. Er wurde mehrfach gefasst, konnte aber immer wieder fliehen. Schließlich wurde er in Frankfurt am Main verhaftet und nach Köln überstellt. Dort gestand er in vielen Verhören 181 gelungene und 122 misslungene Einbrüche und Überfälle. Er wurde zum Tode verurteilt und konnte sich diesmal seinem Schicksal nicht mehr durch Flucht entziehen.
Am 19. Februar 1803 wurde der Fetzer, gerade 25 Jahre alt, auf dem Kölner Altenmarkt durch die Guillotine hingerichtet. Übrigens wurden weder die Stadtkasse noch die wertvollen Kirchengegenstände, die in Neuss geraubt wurden, jemals wiedergefunden.
Hat er am Ende seines kurzen Lebens seine Taten bereut? Wir können es heute nicht mehr sagen, doch seine letzten Worte sind überliefert:
„Ich habe den Tod verdient, meine Freunde, hundert Tode für einen. Ihr, die ihr auf bösem Wege seyd, spiegelt euch an meinem Ende ! Junge Leute ! flieht, flieht die Hurenhäuser. Eltern ! erzieht eure Kinder in Religion. Denkt an Gott. Möchte mein Blut das Letzte seyn, das so vergossen wird.“
Tatsächlich war es die letzte öffentliche Hinrichtung in Köln und die letzte eines Räubers.
Beitragsbild: Mathias Weber, Broschüre, Köln 19.02.1803, Holzschnitte; Kölnisches Stadtmuseum – Bibliothek


